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: Machtjunkies sind immer die anderen

  • Aktualisiert am

"Er sollte sich einen anderen Job suchen!" bekam ein verdutzter Interviewer des Online-Magazins "Sciencegarden" vor einem Jahr zu hören, als er den Freiburger Emeritus Wolfgang Reinhard fragte, welchen Rat er einem heutigen Nachwuchswissenschaftler mit auf den Weg geben könne. So unerwartet wie der ...

          "Er sollte sich einen anderen Job suchen!" bekam ein verdutzter Interviewer des Online-Magazins "Sciencegarden" vor einem Jahr zu hören, als er den Freiburger Emeritus Wolfgang Reinhard fragte, welchen Rat er einem heutigen Nachwuchswissenschaftler mit auf den Weg geben könne. So unerwartet wie der Rat lautete auch dessen Begründung: "Die deutsche Universität ist eine Oligarchie von Professoren, und es ist empirisch bewiesen, dass gleichberechtigte Oligarchen nicht dazu in der Lage sind, sich auf eine Reform zu einigen." Früher habe in ähnlich verfahrenen Situationen nur ein Napoleon weitergeholfen, heute bestehe nicht einmal mehr darauf Hoffnung. Sein Rat klinge darum "etwas zynisch", aber er betrachte es als einen großen Erfolg, "dass ich eine meiner besten Schülerinnen überzeugen konnte, nach der Doktorarbeit nicht weiter im Geschäft zu bleiben".

          Besagte Doktorarbeit liegt nun in Buchform vor, und wenn man ihren Gegenstand anschaut, ist man erst einmal geneigt zu glauben, dass die Autorin Jaana Eichhorn gut daran getan hat, sich von der Alma Mater abzunabeln ("Geschichtswissenschaft zwischen Tradition und Innovation". Diskurse, Institutionen und Machtstrukturen der bundesdeutschen Frühneuzeitforschung. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. 476 S., 6 Abb., geb., 59,90 [Euro]). Warum? Weil sie, karrierepolitisch gesehen, ein Himmelfahrtskommando übernommen hat: Es geht um "Diskurse, Institutionen und Machtstrukturen der bundesdeutschen Frühneuzeitforschung" von 1945 bis in die jüngste Vergangenheit - ein perfektes Thema, um als Nestbeschmutzerin Berühmtheit zu erlangen und sich damit im Betrieb unmöglich zu machen. Je kritischer die Autorin ihr Thema untersucht, so möchte man vermuten, desto mehr Kratzer hätte sie bei einem Verbleib an der Universität abgekriegt.

          Zum Glück wird man, wenn man das Buch dann aufschlägt und liest, eines Besseren belehrt und betrauert am Ende sogar den Verlust einer vielversprechenden Historikerin. Jaana Eichhorn trifft von Beginn an den richtigen Ton einer kritischen Nüchternheit und agiert mit zurückhaltender Bestimmtheit auch in solchen Passagen, die reichlich Gelegenheit für polemische Seitenhiebe geboten hätten. Eichhorn nimmt Abstand von jüngeren Studien zur Geschichte der Geschichtsschreibung, die "einen renommierten Gelehrten oder eine einflussreiche Gruppe in den Mittelpunkt" stellen. Stattdessen geht sie in verschiedenen Fachbereichen dem Zusammenhang von Wissensproduktion und Machtbildung nach. Um ihren gewaltigen Stoff zu bewältigen, verknüpft die Autorin kontrastierende Ausschnitte der Frühneuzeithistorie, die zusammen ein repräsentatives Bild von der Spannweite der jüngeren Fachgeschichte geben.

          Auf der Suche nach einflussreichen Netzwerken und dominanten Themen durchleuchtet sie die Frühneuzeit-Sektionen der deutschen Historikertage. Und um Anlass, Ablauf und Ausgang von Begriffsdebatten zu klären, verfolgt sie die "Wortgefechte" über die schillernden Gattungsbegriffe "Autobiographie", "Selbstzeugnis" und "Ego-Dokument", über die vertheoretisierten Alltagsbegriffe "Eigensinn" und "Aneignung" sowie den mehrfach totgeschlagenen, doch bis heute unverdrossen durch die Forschungsliteratur geisternden Absolutismusbegriff.

          Am aufschlussreichsten dürfte jedoch Jaana Eichhorns Komplementäranalyse der Hexen- und Reichsforschung sein, die exemplarisch aufzeigt, unter welchen Bedingungen sich ein populäres, im Ruch der Unseriosität stehendes Thema zum angesehenen Forschungsgegenstand mausern und ein längst in den historischen Sondermüll gekippter Stoff rezykliert und aktualisiert werden kann.

          Was die Anschlussfähigkeit von Eichhorns eigener Forschung etwas mindert, ist neben dem fehlenden Personenverzeichnis eine methodische Inkonsequenz: Der kritische Ansatz, das Geschäft der wissenschaftlichen Erkenntnis in Abhängigkeit von Machtinteressen und Netzwerkverbindungen zu untersuchen, führt weit - nur nicht bis zur eigenen Forschung. Die bei andern durchschaute Praxis der Selbstauslöschung zur Vorspiegelung von Objektivität wird von Eichhorn stillschweigend fortgesetzt, und zwar gleich auf kollektiver Ebene: Vom Stall, dem die Autorin entstammt, ist so gut wie nichts zu erfahren, obwohl er in den letzten Jahrzehnten zu den ersten Zuchtadressen der Zunft zählte. Die vielen Forschungsfelder, die Wolfgang Reinhard beackert hat, werden ausgespart oder aber er selbst kommt - wie in der Reichsforschung - nicht vor.

          Nicht dass die Taten des eigenen Doktorvaters als Gegenstand einer kritischen Untersuchung zu empfehlen wären, aber wenn man die Meinung teilt, dass jede Forschung kontextabhängig ist, sind im Sinne der Transparenz die eigenen Abhängigkeiten offenzulegen, bevor dies mit den fremden geschieht. Andernfalls kann der Eindruck entstehen, Netzwerkler und Machtjunkies seien stets die anderen, während der Einfluss des eigenen Lagers nur hochwertiger Forschung zu verdanken sei. Aus kritischer Historiographie wird dann versteckte Hagiographie. Gerade für etablierte Außenseiter vom Schlage eines Burckhardt, Bourdieu oder Reinhard war und ist es verlockend, sich selbst von den Spielregeln, die man für die übrigen Akteure im Feld annimmt, auszunehmen - zumal wenn man eben mit Pulverdampf seinen Lehrstuhl geräumt und seiner verwaisten Doktorandin eine akademische Karriere ausgeredet hat.

          CASPAR HIRSCHI

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