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Lynn Sherr: Swim : Einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen

Bild: Verlag

Einmal auf Leanders Spuren durch den Hellespont: Lynn Sherr geht in ihrer sehr persönlichen Kulturgeschichte des Schwimmens mit Begeisterung baden.

          Der amerikanische Erfinder Benjamin Franklin, ein ausdauernder Schwimmer, wusste, wie man die Angst vor dem Wasser überwindet. Er empfahl, rückwärts in einen See oder einen Fluss zu steigen: Man entferne sich einige Schritte vom Ufer und werfe dann ein gekochtes Ei in Richtung Land. Bei dem Versuch, es vor dem Versinken zu retten, werde man erfahren, welchen Widerstand man überwinden muss, um es zu erwischen. So könne man lernen, die Angst vor dem Untergehen zu überwinden. Das Ei sei im Erfolgsfall aufzuessen.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wer also erst einmal drin ist in diesem zugleich feindseligen und vertrauten Element, wer die Stille und die schwebende Leichtigkeit erlebt, der kommt möglicherweise sein Lebtag nicht mehr davon los. So auch im Fall der früheren New Yorker Fernsehjournalistin Lynn Sherr, die als Endsechzigerin ihrem bevorzugten Element eine Liebeserklärung gewidmet hat. „Swim“ ist eine kurzweilige Reportage at large mit durchaus persönlichen Passagen.

          Die Rahmenhandlung beschreibt Sherrs Teilnahme am Swim-Hellespont-Wettbewerb im September 2011. Auf der Spur von Lord Byron von Europa nach Asien: Die Durchquerung der Meerenge gilt nicht wegen der Distanz, sondern wegen der Strömungen als anspruchsvoll. In der Sage schwamm hier Leander zu seiner Angebeteten Hero, bis er dafür mit dem Tod bezahlte. Aus der griechischen Poesie stammt auch diese vorzügliche Definition des Schwimmhelden - er sei zugleich Mannschaft, Ladung und Schiff.

          Das Kerngeschäft der Schwimmerei

          Sherr folgt zunächst dem Zeitpfeil der Kulturgeschichte, erzählt von der gesellschaftlichen Achtung, die das Schwimmen in Rom genoss. Cäsars abenteuerliche Flucht während der Alexandrinischen Kriege ist ein prominenter unter vielen überlieferten Berichten. Mit dem Ende des Römischen Reiches scheint auch das Schwimmen als Kulturtechnik untergegangen zu sein; nur in der militärischen Ausbildung spielte es weiter eine Rolle. Erst in der Renaissance wurde es als individuelle Betätigung rehabilitiert. 1538 erschien „Colymbetes“, das erste bekannte Buch über die Kunst des Schwimmens, verfasst von einem Professor aus dem bayerischen Ingolstadt, Nikolaus Wynmann.

          Die Erzählweise orientiert sich an der Plauderei, die Autorin kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, und dort trifft sie den nächsten Gesprächspartner. Zitatfunde aus der Literatur von Michael Ondaatje über John Cheever bis Wallace Stevens sowie Statistiken, Cartoons, Vignetten, Filmbilder, private Schnappschüsse und Illustrationen lockern das detailverliebt gemachte Buch auf.

          Nach einem Abstecher in die Evolutionsgeschichte und einem Besuch im Labor von Neil Shubin, der mit dem Tiktaalik ein Bindeglied zwischen Knochenfisch und Landwirbeltier entdeckte, wendet sich Sherr dem Kerngeschäft der Schwimmerei zu - der Schlagtechnik. Neben der wichtigsten Brustschwimmtechnik hält der Siegeszug des Kraulens an. Die schnellste Vortriebsart wird aber erst seit einem guten Jahrhundert im Westen gepflegt und optimiert. Abgeschaut hat man sie sich bei Indianern.

          Eine immense Begeisterungsfähigkeit

          Die Grundsatzfrage lautet für den wirklichen Schwimmer indes: Freiwasser oder Becken? Die Kanalschwimmer und alle ihre Abkömmlinge, die sich auf die Durchquerung von berühmten Gewässern spezialisiert haben, sind naturgemäß nicht mit den Fliesenzählern des Leistungssports zu vergleichen, die pro Woche fünfzig Trainingskilometer absolvieren und dann immer noch - wie die holländische Rekordschwimmerin Ranomi Kromowidjodo - behaupten, Schwimmen sei das Wichtigste, „alles andere ist zweitrangig“. Das gilt besonders nach den Materialschlachten der Anzugjahre 2000 bis 2009, als mit Hilfe textiler Technologie Rekorde purzelten.

          Der Blick auf das zwanzigste Jahrhundert zeigt, welchem Kulturwandel das Schwimmen unterworfen war. Noch vor neunzig Jahren wurde von Strandwächtern in den Vereinigten Staaten der Abstand vom weiblichen Knie bis zum Saum des Badeanzugs vermessen, um die Schicklichkeit zu garantieren. Bald darauf machten Athleten wie Esther Williams als Annette Kellerman (“Million Dollar Mermaid“) und Johnny Weissmuller als Tarzan Karrieren in Schwimmshows und in Hollywood. Natürlich auch, weil dort erlaubt war, was sonst verboten war: beinahe nackte Frauen zu zeigen.

          Die Begeisterungsfähigkeit der Autorin ist immens, stellenweise verläppert sich ihr Ringen um eine prägnante Definition der Wassersucht, auch weil sie wie eine spätberufene Sozialmedienarbeiterin unnötig viele Enthusiasten zu Wort kommen lässt. Geschenkt, Lynn Sherrs Buch macht Laune. Den Wettbewerb am Hellespont hat sie übrigens in ihrer Altersklasse gewonnen. Sicher nicht nur, weil sie die einzige Teilnehmerin war.

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