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Lydia Marinelli: Schriften zur Geschichte der Psychoanalyse : Was sich mit einem Trick der Evidenz von Sigmund Freuds Mütze lernen lässt

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Bild: Verlag

Lydia Marinelli, viele Jahre Kuratorin am Wiener Freud- Museum, war eine begnadete Ausstellungsmacherin: Nun versammelt eine dreibändige Ausgabe ihre Beiträge zur Geschichte der Psychoanalyse.

          Am Samstag, dem 4. Juni 1938 - zwölf Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich -, verließ Sigmund Freud seine Wiener Wohnung in der Berggasse 9, um nach London zu emigrieren; nur Schatten an den Wänden blieben zurück und ein dunkler Fleck am Parkettboden, auf dem die berühmte Couch gestanden hatte. Mit der Erinnerung an diesen Abschied beginnt Andreas Mayers Einleitung zu der von ihm herausgegebenen Sammlung von Essays, die Lydia Marinelli - Historikerin, wissenschaftliche Leiterin und Kuratorin des Wiener Freud-Museums - zwischen 1995 und 2008 verfasst hat. Auch Mayers Vorwort steht im Zeichen des Abschieds; am 8. September 2008 hat sich Lydia Marinelli, "tatsächlich Hirn und Seele des Freud-Museums" - so Michael Hagner in seinem Nachruf in dieser Zeitung -, das Leben genommen.

          Der Schatten der Couch - von dem Edmund Engelman, der Freuds Wohnung vor dem Auszug noch einmal fotografiert hatte, im Gespräch mit Lydia Marinelli erzählte - kann als Spur wahrgenommen werden, die wie jedes Zeichen auf Anwesendes und Abwesendes zugleich verweist. Einerseits demonstriert der Schatten das Gewicht materieller Präsenz, die Relevanz von Dingen im Gegensatz zu Ideen, andererseits bezeugt er deren Verschwinden, das auch durch die vergrößerten Fotos an den Wänden der ehemaligen Wohnung Freuds nicht konterkariert werden kann. Nicht fort oder da, wie die Holzspule in Freuds "Jenseits des Lustprinzips", sondern fort und da zugleich: darin besteht die Paradoxie aller Spuren. Sie verdanken ihre Aura dem Kommentar: Ohne Erläuterung bleibt der Fleck so stumm wie Lebensdaten auf einem Grabstein. Doch umgekehrt verleihen sie der Beschreibung erst ihre sichtbare Würde. Sie bringen zum Sprechen, sie übersetzen, sie zeigen.

          Paradoxien der Psychoanalyse

          Solche Paradoxien haben die Geschichte der Psychoanalyse begleitet: im Wechselspiel zwischen Zuhören und Reden, Sagen und Aufschreiben, zwischen latenten und manifesten Inhalten, Symptomen und Begriffen. Solche Paradoxien haben die Geschichte der Medien begleitet, von den Pathosformeln der Fotografie bis zu den Authentifizierungsstrategien digitaler Dokumentation; und sie gehören zur Geschichte der Museen und Ausstellungen. Denn wer eine Ausstellung gestaltet, weiß auch, dass nur die Schatten - Kataloge, Rezensionen, Erinnerungen - übrig bleiben werden. Aus diesem Wissen kann freilich eine visuelle Überzeugungskraft hervorgebracht werden, die gerade die Ausstellungen Lydia Marinellis kennzeichnete: solche über den Internationalen Psychoanalytischen Verlag, über Freuds Antikensammlung, seine "verschwundenen Nachbarn" in der Berggasse oder über die Couch.

          Ihre Intentionen hat Lydia Marinelli einmal im Rückgriff auf einige Sätze Walter Benjamins erläutert: "Verdummend wirkt nämlich jede Veranschaulichung, in der das Moment der Überraschung fehlt. Was zu sehen ist, darf nie dasselbe oder einfach mehr oder weniger sein, als was die Beschriftung sagt, sondern es muss etwas Neues, einen Trick der Evidenz mit sich führen, den man mit Worten grundsätzlich nicht erzielen kann." Solche Tricks der Evidenz ermöglichen Ausstellungen (und Texte), die nicht das Bewusstsein der Besucher mit den labyrinthischen Assoziationen eines Kurators auffüllen, sondern gerade das Leere, Nichtsichtbare, Uneinholbare zeigen; sie gehören zum Projekt jenes "Museums der Verneinung", das Lydia Marinelli als Gestaltungsideal eines Freud-Museums in St. Petersburg vorgeschlagen hat.

          Die Mütze Freuds

          Und sie gehören auch zu den wirksamsten Effekten einer gelingenden Psychoanalyse, die zwar alle sichtbaren Symptome und Inhalte umkreist, doch stets auf der Suche nach einer Berührung mit dem Latenten und Nichtfassbaren. Die Geschichte der Psychoanalyse erscheint unter diesem Blickwinkel vorrangig als Geschichte ihrer Medien, Spuren und Dinge: Sie widmet sich den Büchern und Verlagen, den Sammlungs- und Möbelstücken, ja selbst der Mütze Freuds, deren Wanderungen Marinelli in einem inspirierenden Essay rekonstruiert. So wie sie sich beispielhaft um die Darstellung der frühen Wechselwirkungen zwischen Psychoanalyse und Film bemüht, um die metaphorisch vielfach charakterisierten, doch kaum jemals präzis untersuchten Affinitäten zwischen dem Kino und den Räumen des Traums.

          Das Spektrum der - unter dem Titel "Tricks der Evidenz" versammelten - Essays wird ergänzt und zur Werkausgabe erweitert durch zwei weitere Bände: "Psyches Kanon", ursprünglich als Dissertation der Historikerin an der Universität Wien entstanden, dokumentiert die Publikationsgeschichte rund um den Internationalen Psychoanalytischen Verlag. Als dritter Band figuriert eine Neuauflage der gemeinsam mit Andreas Mayer verfassten Untersuchung über die "Traumdeutung und die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung".

          Die vorliegende Edition macht schmerzlich die Notwendigkeit bewusst, das Abgebrochene und Unvollendete als Ganzes vorstellen zu müssen. Was bleibt, ist auch, was wir vermissen.

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