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Lutz Bergers "Entstehung des Islam" : Willkommenes Heilsangebot

Sie waren nicht die ersten, die hier ihren Gott verehrten: gläubige Muslime vor der Goldenen Tür der Kaaba in Mekka Bild: dpa

„Der eine Gott“ wurde in Mekka bereits vor Mohammed verehrt, die Lehren lagen gleichsam in der Luft: Der Wissenschaftler Lutz Berger untersucht, wie der Islam entstanden ist.

          Jede Religion verdankt ihr Entstehen einer Konstellation von Faktoren, die sie erst ermöglicht haben und die sie prägen. Das Verdienst der Monographie des Kieler Islamwissenschaftlers Lutz Berger ist, dass er die Geschichte des frühen Islams in dessen zeitgenössische Umwelt einbettet und dass er sich dabei nicht von Legenden leiten lässt, sondern von historisch belegbaren Fakten. Berger zeichnet das sechste und siebte Jahrhundert rund um das Mittelmeer als eine Zeit existentieller Krisen. Ein Klimawandel hatte zu Trockenheit, schlechten Ernten und Hunger geführt, die Pest halbierte die Bevölkerung um das Mittelmeer und verschob das Bevölkerungsgleichgewicht von urbanen Regionen in die weniger betroffene Wüste.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Menschen wurden noch gläubiger, sie suchten ein Heilsangebot. Zudem waren zu Beginn des siebten Jahrhunderts die beiden Großreiche der Römer und der persischen Sassaniden nach langen Kriegen ermattet. Keines der beiden großen spätantiken Reiche konnte sich einen weiteren Krieg leisten. Die römische Staatskirche hatte aber weiter die Kraft, gegen Abweichungen vom vereinheitlichten christlichen Glauben und gegen „Ketzer“, von denen es viele gab, vorzugehen.

          Die Lehren lagen in der Luft

          In diese Konstellation hinein entstand der Islam. Zu Beginn des siebten Jahrhunderts hatte es auf der Arabischen Halbinsel noch immer keine staatliche Ordnung gegeben, die Leben und Eigentum hätte schützen können. Die Stämme führten untereinander Krieg, und die vorislamische Wertewelt hielt sich Götter, von denen man sich diesseitige Hilfe zur Linderung von Not erhoffte. Erlösung im Jenseits war kein Thema. Dazu gab es Kultorte, von denen einige über die Stammesgrenze hinaus wichtig waren, etwa die Kaaba in Mekka. Einer der Götter, die bereits vor dem Islam dort verehrt wurden, war „der eine Gotte“, also „Allah“. In Mekka trat Mohammed, der spätere Prophet des Islams, als einer der Warner vor dem nahenden Ende der Welt auf, von denen es zu jener Zeit zahlreiche auf der Arabischen Halbinsel wie um das Mittelmeer gegeben hat. Da der Hidschaz um Mekka über die Karawanenwege in die Spätantike eingebunden war, waren Mohammed und seiner Familie Teile der jüdischen Religion und der christlichen Lehre vertraut.

          Seine neue Lehre setzte sich letztlich durch, während die Wirkung anderer Warner beschränkt blieb. Mohammed war einer der Gottsucher seiner Zeit. Was von 610, dem Jahr der ersten Offenbarung, bis 632, seinem Todesjahr, entstand, sollte eine lokale arabische Variante eines neuen, attraktiv gewordenen religiösen Angebots werden, das sich in Endzeitstimmung die Erlösung durch den Glauben an nur noch einen Gott erhoffte. Der Islam bot den Arabern die Möglichkeit, sich den Erlösungsreligionen anzuschließen, ohne aber ihre kulturelle Identität aufgeben zu müssen. Der Islam integrierte, was unter den Arabern heimisch geworden war. Die Lehren, die Mohammed vortrug, „hatten in gewisser Weise in der Luft gelegen“, schreibt Berger.

          Entwicklungsland Westen

          Als sich Mohammed 622 in Medina niederließ, um dort Streit zwischen Stämmen zu schlichten, gingen die eschatologischen Offenbarungen in praktische zur Regelung eines Gemeinwesens über. Die medinensischen Suren sind zu „einem guten Teil Kriegspropaganda“, ähnlich wie die Geschichtsbücher des Alten Testaments, so Berger. Krieg im Interesse der eigenen Gruppe sei keine schlechte Sache gewesen. „Prinzipieller Pazifismus war auf der Arabischen Halbinsel der Zeit unbekannt.“ Neu sei aber gewesen, dass der Krieg nicht für die Ehre und den materiellen Gewinn ausgetragen worden sei, sondern dass er eine ideologische Komponente erhalten habe. Denn nicht mehr die Stämme kämpften gegeneinander, sondern die „Gläubigen“ miteinander. Noch unterschieden sie sich nicht so eindeutig von Juden und Christen, erst von Ende des siebten Jahrhunderts an nannten sie sich selbst „Muslime“.

          Die neue Religion war zunächst ein Mittel zur inneren Befriedung Arabiens. Nach der Einigung der Stämme drangen die „Gläubigen“ aus Mekka und Medina nach Norden in das Vakuum vor, das die kriegsmüden Römer und Sassaniden geschaffen hatten. Den Eroberern kam zugute, dass viele heterodoxen Christen, die nicht dem Dogma der Staatskirche folgten, sie als Befreier begrüßten. Berger beschreibt, wie eine indirekte imperiale Herrschaft zum Geheimnis der schnellen Expansion wurde. Dabei bewahrten die neuen Herren das römisch-griechische Erbe in der Alltagskultur und in der Wissenschaft, ergänzt durch die Kulturtraditionen im Osten - bis nach Zentralasien. Bemerkenswert auch der Schlusssatz des Buches: „Der Westen war um 750 zu einem Entwicklungsland geworden, auf das Muslime wie orientalische Christen für Jahrhunderte - wenn überhaupt - nur mit Herablassung blickten.“ Wer einen etwas unbefangeneren Blick auf den Islam haben will, wird mit der Lektüre dieser anschaulich geschriebenen Monographie belohnt.

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