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Luke Harding und David Leigh: WikiLeaks : Informationsprofis im Internetschaum

Bild: Edition Weltkiosk

Gegeneinander im Miteinander: Zwei „Guardian“-Journalisten erzählen ihre Geschichte von und mit Wikileaks - und zeigen nebenbei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Mainstreammedien und Enthüllunsplattformen auf.

          3 Min.

          Man sorgt sich gleich um dieses Buch. Die beiden Journalisten Luke Harding und David Leigh, bei der britischen Zeitung „Guardian“ an der journalistischen Auswertung der durch Wikileaks veröffentlichten Unterlagen und Depeschen beteiligt, eröffnen ihre Geschichte der Whistleblower-Plattform mit einer Szene in der Londoner Abenddämmerung: Ein großgewachsener Mann mit Perücke und Frauenmantel zwängt sich in ein zerbeultes rotes Auto und lässt sich durch den englischen Spätherbst zum Landsitz Ellingham Hall in Norfolk fahren. Es ist Julian Assange.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Es steht viel im Raum und auf dem Spiel im November 2010. Anfang April hatte Wikileaks die als „Collateral Murder“ bekanntgewordene Aufnahme der Bordkamera eines Hubschraubers über Bagdad publik gemacht, die festgehalten hatte, wie im Juli 2007 Zivilisten und Journalisten erschossen worden waren. Ende Juli waren über 75 000 Dokumente des amerikanischen Militärs aus Afghanistan gefolgt, Ende Oktober über 390 000 aus dem Irak. Die Veröffentlichung der Botschaftsdepeschen stand kurz bevor, und Schweden hatte gerade einen Haftbefehl erlassen, um Julian Assange zu Vorwürfen der Vergewaltigung und sexuellen Belästigung zu hören. Und doch wählen die beiden Autoren einen Einstieg, in dem Heimlichkeit und Gefährdung so nah an der Lächerlichkeit und Kostümklamotte liegen wie sonst nie in diesem Buch.

          Weder Schuft noch Heiliger

          Szenen wie diese, eher effekthascherisch angelegt als erhellend, gehören zu den Schwächen von „Wikileaks - Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung“, dem Buch, das im Februar 2011 erschien und als eine der Quellen für den Miramax-Film „Inside Wikileaks - Die fünfte Gewalt“ herhielt. Da werden Passwörter auf billige Brüsseler Papierservietten gekritzelt. „Bärtige Untergrundkämpfer“, die „wie Geiseln im Keller eines Terroristenschlupflochs“ aussehen, tatsächlich aber Journalisten der spanischen Tageszeitung „El País“ sind, halten sechsstellige Nummern vor die Videokamera. Assange sitzt Weihnachten in der Küche von Ellingham Hall, während zwei weibliche Küchenhilfen Rindfleisch hacken und der Vater des Gastgebers mit Gewehr und Jägerhut über das Anwesen patrouilliert.

          Die deutsche Übersetzung fußt auf einer ebenfalls frisch veröffentlichten englischen Neubearbeitung, kam in den Buchhandel, kurz bevor der Film in den Kinos anlief, und führt die Geschichte fort über Assanges Flucht in die Botschaft Ecuadors in London und den Prozess gegen Bradley Manning, der Wikileaks mit den Geheiminformationen aus den Netzwerken des amerikanischen Militärs versorgt hatte, bis zu den Versuchen von Wikileaks, mit dem ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden gemeinsame Sache zu machen, dessen Enthüllungen ohne Beteiligung der Whistleblower-Plattform den NSA-Skandal ins Rollen brachten. Auch wenn Julian Assange das Buch schließlich verdammte und vehement abstritt, auf die Sorge der Journalisten, nachlässig veröffentlichte Enthüllungen aus Afghanistan könnte Menschenleben gefährden, geantwortet zu haben, Informanten seien selbst schuld, wenn sie getötet würden, sie hätten es verdient: in ihrer Porträtierung des eigenwilligen Kopfs von Wikileaks widerstehen die Autoren der Versuchung zur Überzeichnung, sie bleiben bei aller inhaltlichen Kontroverse sorgfältig und fair.

          Mainstreammedien profitieren von den Neuen

          Es ist dieses Gegeneinander im Miteinander, was die Geschichte, wie Harding und Leigh sie erzählen, interessant macht: Sie beschreiben die Zusammenarbeit zwischen ihrer Zeitung und Wikileaks und arbeiten die ideellen Unterschiede zwischen investigativem Journalismus und aktivistischer Enthüllung heraus. Deutlich wird das bei einem Streitpunkt, der die Zusammenarbeit gar nicht direkt betrifft: Die Kampagne des „Guardian“-Journalisten Nick Davies gegen die Praxis des Boulevardblatts „News of the World“, Mobiltelefone britischer Politiker und Prominenter abzuhören, war für Assange nicht mehr als das Ausnutzen der Gelegenheit, „einen journalistischen und Klassenrivalen zu attackieren“, der „verachtenswerte Versuch ,bigotter, händeringender ... Politiker und sozialer Eliten‘, für sich ein Recht auf Privatsphäre zu behaupten“. Folgt man Assange, heiligt hier nicht nur ein fragwürdiger Zweck die im Grunde illegalen Mittel. Der Zweck von „News of the World“, der nicht auf Relevanz, sondern auf Sensation angelegt war, wird vielmehr von einem höheren Zweck überlagert: Der im Untertitel des Buchs genannte „Krieg gegen Geheimhaltung“ ist grundsätzlich zu verstehen.

          Umgekehrt nutzt der „Guardian“ zwar seinerseits die Möglichkeiten von Wikileaks, um heikle Dokumente über Steuertricks der Barclays Bank auch dann öffentlich verfügbar zu halten, wenn die Zeitung gerichtlich gezwungen wird, die Daten selbst vom Netz zu nehmen. Bei der Veröffentlichung aller verfügbaren Unterlagen, die Bradley Manning Wikileaks zugespielt hatte, sieht er jedoch auf einen Schlag die Gefahr eines „unverständlichen, gigantischen Datenabwurfs“, dem die Zeitung ihre journalistische Expertise entgegenhält, nämlich die Möglichkeit, Daten zu überprüfen und in Kontexte zu setzen, zu analysieren, Bedeutung herauszuarbeiten die Veröffentlichung thematisch zu sortieren und dramaturgisch zu planen. Schließlich sei „das Material, das sich in den enthüllten Dokumenten fand, unabhängig davon, wie voluminös es war, ... nicht ,die Wahrheit‘. Oft war es nur ein Wegweiser zu seinem Teil der Wahrheit, der vorsichtiger Interpretation bedurfte.“

          Dass es der Allianz aus „Guardian“, „New York Times“, „Le Monde“, „El País“ und „Spiegel“, die gemeinsam an der Auswertung der über 250 000 Botschaftsdokumente arbeitete, nicht nur um journalistische Reputation ging, schreiben Harding und Leigh unverblümt: Mit dieser Arbeit könnten sich nämlich die von Assange gern als kompromittiert oder zu zögerlich gescholtenen Mainstreammedien „als die tatsächlichen Informationsprofis“ profilieren und aus dem „Internetschaum“ herausragen.

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