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: Lüthys Uhr ging anders

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Daß Historikern die Ehre einer Werkausgabe zuteil wird, ist eher selten. Zu den solcherart Ausgezeichneten gehört seit kurzem der Schweizer Herbert Lüthy. Das Erscheinen der ersten zwei einer auf sieben Bände angelegten Edition seiner Schriften durfte er noch erleben. Mitte November 2002 ist er im 85.

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          Daß Historikern die Ehre einer Werkausgabe zuteil wird, ist eher selten. Zu den solcherart Ausgezeichneten gehört seit kurzem der Schweizer Herbert Lüthy. Das Erscheinen der ersten zwei einer auf sieben Bände angelegten Edition seiner Schriften durfte er noch erleben. Mitte November 2002 ist er im 85. Altersjahr in Basel gestorben. Lüthy war ein unorthodoxer Vertreter seines Faches, und als solchen weisen ihn schon die wiederveröffentlichten Zeugnisse seiner frühen Schaffensperiode aus. Des öftern wurde ihm eine Doppelbegabung attestiert: einerseits der "zünftige" Historiker, der insbesondere zur Erforschung der Wirtschafts- und Religionsgeschichte des französischen Ancien régime einen maßstabsetzenden Beitrag leistete; andererseits der Publizist, der sich mit klarsichtigen, glänzend formulierten Stellungnahmen in die Diskussion über Themen der politischen und literarischen Aktualität einschaltete.

          Man wird Lüthys bekanntestes Buch, die 1954 erstmals erschienene Monographie "Frankreichs Uhren gehen anders", zunächst zwar dem Konto des Publizisten gutschreiben, bei der Lektüre aber sehr bald feststellen, daß das Werk seine Faszinationskraft wesentlich dem staunenswerten Fundus historischer Kenntnisse und Einsichten verdankt. Das Buch ist nur vordergründig eine Momentaufnahme des Frankreich jener Vierten Republik, die 1958 durch de Gaulles Machtübernahme ihr ruhmloses Ende finden sollte. Lüthy nimmt Gegenwartsphänomene verschiedenster Art - politische, gesellschaftliche, mentalitätsmäßige und nicht zuletzt wirtschaftliche - in geschichtlicher Perspektive wahr und führt sie auf Konstanten französischer Wesensart zurück. Instruktiv ist etwa sein Nachweis ungebrochener Kontinuität in dem von ihm als zentrales Element französischer spécificité erkannten Bereich der Staatsverwaltung: Traditionslinien lassen sich von der Beamtenelite des 19. und 20. Jahrhunderts, hervorgegangen aus den prestigeträchtigen Grandes Ecoles, über die Grands Commis des absolutistischen Zeitalters bis zu den Legisten im Dienste des mittelalterlichen Königtums zurückverfolgen.

          Lüthys Sensorium für die Existenz eines "Frankreich, das dauert", verführt ihn indes keineswegs zu unkritischer Frankophilie. Er mokiert sich über die pseudoreligiöse Verehrung eines "ewigen Frankreich, dem seine Dichter und allzuoft auch seine Vereinsredner ihre Mysterienkulte weihen". Sehr wohl aber glaubt der kühle Ironiker an eine "Persönlichkeit Frankreichs . . ., die sich mit aller Kraft und List an ihre Gewohnheiten und auch an ihre Unarten klammert". Wie widerborstig sich diese "Persönlichkeit" gebärden kann, haben "Reformer und Organisatoren von innen und außen, Nachbarn und Vertragskontrahenten . . . immer wieder und oft mit Ungeduld erfahren". Ob Frankreichs Rolle im europäischen Integrationsprozeß Lüthy zu Retuschen an diesem Befund veranlaßt hätte, wenn er in späteren Jahren auf das Thema seines Buches zurückgekommen wäre? Man darf es bezweifeln. Er glaubte, den "tiefsten Wesenszug der französischen Geschichte" darin erkannt zu haben, "daß diese Nation im Grunde immer nur mit sich selber beschäftigt war, auch dann und gerade dann, wenn sie sich in ihren größten Augenblicken mit der Christenheit, dem Abendland oder der Menschheit schlechthin identifizierte. Frankreich hat die Welt immer nur als Projektion seiner selbst gekannt und verstanden."

          Es trägt nicht wenig zum Reiz von Lüthys Frankreich-Buch bei, daß der Autor, der solcher Erkenntnisse sub specie aeternitatis fähig ist, auch als kundiger Deuter eher ephemerer Erscheinungen - etwa auf der Pariser Polit- und Literaturszene - zu überzeugen und zu unterhalten weiß. Seine ironisch gestimmte Demontage Jean-Paul Sartres bleibt ein Paradestück geistreicher Polemik. Angesichts des Kultstatus des "Denkmeisters" der damaligen französischen linken Intelligenzija war sie 1954 auch ein Akt nonkonformistischer Zivilcourage. Lüthy war nicht der Mann, sich mit solchem Ausscheren aus dem Meinungskonsens des politisch-literarischen Zeitgeistes profilieren zu wollen. Er war intellektuell einfach zu redlich und - vor allem sich selbst gegenüber - zu anspruchsvoll, um in der jeweils vorherrschenden Modeströmung unkritisch mitschwimmen zu können.

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