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Ludwik Fleck: Denkstile und Tatsachen : Wie Stimmungen auf die Dynamik der Erkenntnis wirken

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Ludwik Fleck (1896 bis 1961) gehört zu den einflussreichsten Theoretikern
Ludwik Fleck (1896 bis 1961) gehört zu den einflussreichsten Theoretikern : Bild: Illustration Isabel Klett

Man muss so weit ausholen, um die Bedeutung des fast siebenhundert Seiten starken, von Sylwia Werner und Claus Zittel fabelhaft edierten und kommentierten Bandes zu ermessen. Mehrere Schriften Flecks werden erstmals in deutscher Übersetzung vorgestellt, einige Schriften sind überhaupt zum ersten Mal veröffentlicht. Erst mit dieser klugen Textzusammenstellung wird deutlich, dass Flecks Meisterwerk von 1935 in einen dichten, in erster Linie in Polen und zum Teil auch in Deutschland stattfindenden Diskussionszusammenhang eingewoben war.

Wenn Fleck nun als emblematische Figur des Zeitalters der Extreme, angesiedelt im Schnittbereich von österreichisch-deutscher und polnischer Kultur sowie von Natur- und Geisteswissenschaften gilt, so liegt das an mehreren glücklichen Entscheidungen der Herausgeber. Erstens haben sie auch einige der bakteriologischen Arbeiten Flecks integriert - nicht immer leichtverdauliche Kost, aber doch erhellend, um zu erkennen, wie sehr die Theorie der Denkstile und der wissenschaftlichen Gestaltwahrnehmung aus der wissenschaftlichen Praxis heraus gewachsen ist.

Zweitens geben die bislang wenig bekannten Erklärungen, Zeugenaussagen und Kommentare Flecks über seine Zeit im Lemberger Getto und in den Konzentrationslagern einen genaueren Einblick in die dramatischen Bedingungen, unter denen er den Holocaust überlebte. Der vor einigen Jahren von einer schwedischen Immunologin aufgewärmte Versuch, Fleck eine Kollaboration mit den Nazis bei ihren barbarischen Menschenversuchen zu unterstellen, erweist sich im Spiegel der verschiedenen Dokumente als ebenso plumpe wie widerwärtige Denunziation.

Drittens schließlich werden ausführliche Kontroversen mit der dem Wiener Kreis nahestehenden Philosophin Izydora Dambska und dem Medizinhistoriker Tadeusz Bilikiewicz abgedruckt, in denen Fleck seine Positionen klarstellte und verfeinerte. So war er sich 1939 völlig darüber im Klaren, dass seine These der Abhängigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis vom historischen Kontext demagogischen Parolen Tür und Tor öffnete. Wenn das Wissen ohnehin vom sozialen Kontext abhängig ist, war es dann nicht konsequent, wenn die Nationalsozialisten eine arische Wissenschaft und die Stalinisten eine proletarische Wissenschaft durchsetzten?

Dagegen argumentierte Fleck, dass Wissenschaft nie darin bestehen könne oder dürfe, für bestehende Ideologien die passenden Ergebnisse zu liefern, weil genau das dem vorläufigen Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis widerspreche. Elemente von Denkstilen verändern sich laufend, und so entsteht eine Erkenntnisdynamik, der ein dogmatischer Wissensanspruch fremd ist. Genau in dieser Offenheit sah Fleck den größten Vorzug der Naturwissenschaften. Wenig überraschend, dass er ihnen die „einzige demokratische Denkart“ zubilligte und sie damit als Modell für die Demokratie anpries.

Sein und Sollen der Wissenschaften

Mit dieser großartigen Edition werden endlich die historischen Bedingungen sichtbar, unter denen Fleck sein schmales, ungemein produktives wissenschaftsphilosophisches OEuvre entwickelt hat. Dabei gab es durchaus Konstanten - insbesondere sein Glaube an die kulturelle und humanistische Mission der Wissenschaft, die ständigen Gefahren ausgesetzt ist. In seinem letzten, erst postum veröffentlichten Text klagte er 1960, dass die Wissenschaft zu ihrem Schaden immer mehr zur Gehilfin von Politik und Industrie geworden sei.

Was soll man dazu im Abstand von fünfzig Jahren sagen? Man müsste wohl - zu Flecks Entsetzen - konstatieren, dass die Wissenschaft immer mehr den Denkstil von Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit angenommen hat. Nicht zuletzt, weil das so ist, gehören die Schriften Flecks - entgegen der Vermutung Schlicks - nach wie vor zum Lohnendsten, was man über Sein und Sollen der Wissenschaften lesen kann.

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