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Fans volkstümlicher Musik : Kritik der zynischen Vermarktung

Ist das ein volkstümlicher Kleidungsstil? Drei Grazien beim Kastelruther Spatzenfest 2005 Bild: Lois Hechenblaikner

Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner ist mit Bildern der Verwüstung, die Menschenmassen in der Bergwelt hinterlassen, bekannt geworden. Jetzt überrascht er mit Porträts von Fans volkstümlicher Musik.

          In der Szenencollage „BÖsterreich“ von Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader kommt Tirol besonders schlecht weg. Ein Einheimischen-Casting muss veranstaltet werden, weil der Bürgermeister dem Schnalzerwirt erklärt, dass in beider Heimatort zwar jährlich mehr als 27 Millionen Gäste übernachteten und 4,5 Milliarden Umsatz erzeugten, dass aber nur noch elf Einheimische hier lebten, „Spaghettifresser mitgerechnet“ – also Südtiroler. Eine Satire, die sich den Umstand zunutze macht, dass Tirol wie kein anderes österreichisches Bundesland auf Expansion setzt, wenn es um die Schaffung immer neuer touristischer Attraktionen geht.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner hat sich in den Bänden „Off piste“ (2009), „Winter Wonderland“ (2012) und „Hinter den Bergen“ (2015) mit den Auswüchsen dieses Umgangs mit der Natur auseinandergesetzt – schaurige Bilder der Verwüstung, die Menschenmassen hinterlassen, wenn die sie Bergwelt konsumieren. Nun überrascht er mit einem Band, der die Summe aus einem Vierteljahrhundert Beschäftigung mit dem Thema Volksmusik zieht. Aus einem Bestand von dreitausend Bildern hat Hechenblaikner hundert ausgewählt – und eine Themaverfehlung im Titel riskiert. Denn um echte Volksmusik geht es bei Hansi Hinterseer, den Zillertalern, den Kastelruther Spatzen keineswegs. Diese spielen volkstümliche Musik, die sich geschickt zeitgenössischer Strömungen bedient und deshalb als Quotenbringer auch von den Öffentlich-Rechtlichen geschätzt wird.

          Angelika und Jürgen D. aus Hessen beim Kastelruther Spatzenfest 2014 Bilderstrecke

          Der Band setzt ein mit Bildern von Massenaufläufen wie dem Hansi-Hinterseer Fan-Wochenende, dem Kastelruther Spatzenfest, dem Schürzenjäger Open Air oder dem Marc Pircher Fest. Mit Ausnahme von Hinterseer verzichtet der Fotograf auf eigene Bilder der Stars, er porträtiert stattdessen in klassischer August-Sander-Methode die Fans, meist paarweise. Sie kommen aus Österreich, der Schweiz, Norditalien, Bayern und Baden-Württemberg, aber auch aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen. Schotten sind darunter, Holländer, Amerikaner und sogar eine Israelin.

          Wie sie sich kleiden, das hat mit Tracht kaum etwas zu tun, ein wirres Crossover aus Lederhosen, Minidirndl, Ethnoklimbim, Jeans und Basecap. Bis hin zum Phantasiekostüm: drei Hessinnen tragen Spitzhüte und Flickenschürzen, sie sehen so unglücklich aus, als kämen sie von der Resterampe der Walpurgisnacht. Zu sehen sind Berufskraftfahrer, Metzger, Industriereiniger, Pflasterer, Schlosser, Rentner, Justiz-Fachangestellte, Friseurinnen.

          In einem begleitenden Aufsatz macht sich Wolfgang Ullrich Gedanken, ob diese Heile-Welt-Inszenierung womöglich eine sozialpolitische Bedeutung habe – indem sie für die temporäre Heilung jener Schicht sorgt, die im täglichen Leben vielleicht nicht viel Anlass zur Freude hat. Handelt es sich also um einen Fall von Seelsorge, wo Kirchen nicht hinkommen, der Staat zu kurz springt? Oder doch eher um zynische Geschäftemacherei einer Musik- und Fanartikel-Industrie, die Schrott unters Volksmusikvolk bringt? Hechenblaikners Bilder haben sich entschieden, die Antwort dem Betrachter zu überlassen. Er denunziert seine Gegenstände nicht. Die Porträts entstanden jeweils nach kurzen Gesprächen, unter Angabe von Vorname, abgekürztem Nachnamen, Herkunft und Beruf. So stehen die Fans da und fordern vom Betrachter nur eines – ernstgenommen zu werden.

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