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: Logik der Angst

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Atomkraftwerke, Pestizide, Krieg gegen den Irak, Billigflüge oder Gentechnik: Wir neigen dazu, den schlimmsten Fall zum alleinigen Ratgeber zu machen. Gibt es einen vernünftigen Umgang mit Risiken? Sunstein sagt: Ja. Im Jahr 2002 wollte die Regierung der Vereinigten Staaten Tausende Tonnen von Getreide an den Staat Sambia spenden.

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          Atomkraftwerke, Pestizide, Krieg gegen den Irak, Billigflüge oder Gentechnik: Wir neigen dazu, den schlimmsten Fall zum alleinigen Ratgeber zu machen. Gibt es einen vernünftigen Umgang mit Risiken? Sunstein sagt: Ja. Im Jahr 2002 wollte die Regierung der Vereinigten Staaten Tausende Tonnen von Getreide an den Staat Sambia spenden. Der, obzwar in Gefahr einer Hungersnot, lehnte ab: Der Mais enthalte vermutlich gentechnisch veränderte Anteile. Es bestehe das Risiko, dass sambische Bauern aus der Hilfslieferung Saatgut entnähmen und dadurch Exporte in die Europäische Union, eine Verbotszone für die betreffende Maissorte, kontaminiert würden. Der Tod von 35 000 Sambiern wurde in Kauf genommen, so schätzte die Weltgesundheitsorganisation.

          Wie stellt sich das Prinzip staatlicher Risikovorsorge dar, wenn es in solche Entscheidungslagen führt? Das Argument, das Cass R. Sunstein, Jurist und Politologe von der Universität Chicago, vorträgt, ist einleuchtend. Moderne Staaten, so lautet es, sind Vorsorgestaaten. Wenn Risiken wie die Erderwärmung, die Gentechnologie, giftige Chemieproduktionen oder Kriminalität bis hin zum Terrorismus identifiziert werden, dann wartet die Gesetzgebung nicht ab, bis Schäden angefallen sind, sondern beugt ihnen vor.

          Die Zusammenstellung allein schon macht deutlich, dass es hier nicht um einen Gegensatz risikofreudiger Amerikaner gegen risikoscheue Europäer geht. Denn ganz gleich, ob "die Gefahr" ein Mangel an Öl, Atomwaffen in den falschen Händen, die Vergiftung der Konsumenten durch Pestizide oder die Austrocknung Südeuropas ist - moderne Politik sieht sich überall zu Vorgriffen auf unbekannte Gefahrenlagen legitimiert. Und zwar zu Vorgriffen, die sich unabhängig machen von Kausalitätsnachweisen; oft genügt der plausible Verdacht. Die Höhe eines vermuteten Schadens, etwa desjenigen, den Katastrophen in einem Atomkraftwerk bewirken würden, rechtfertigt Eingriffe, auch wenn seine Eintrittswahrscheinlichkeit ganz ungewiss oder immens klein ist. Sunstein gibt demgegenüber zu bedenken, dass jede soziale Lage Risiken enthält. Jede, das heißt hier: auch die ohne Atomkraftwerke, Pestizide, Krieg gegen den Irak, Billigflüge, Gentechnik. Es ist also nicht so, dass wir Angst gegen Sicherheit tauschen. Sondern wir tauschen auffällige Gefahren gegen weniger auffällige. Wir sind, nüchtern betrachtet, nicht gegen Risiken überhaupt, wir sind nur gegen bestimmte Risiken. Beispiele? Von biodynamischem Anbau ließe sich ein Großteil der Weltbevölkerung derzeit nicht ernähren. Oder: Unter einem Rückgang des Tourismus litte das Weltklima auch, denn ganze Bevölkerungen wären, von der Freizeitindustrie freigesetzt, wieder auf die Nutzung primärer Ressourcen und Raubbau an der Natur zurückgeworfen.

          Sunstein attackiert das Vorsorgeprinzip also nicht, weil es uns in die falsche Richtung führt, "sondern weil es uns in gar kein Richtung führt". Vermeide Risiken - das ist eine sinnlose Maxime, weil es kein kostenloses Vermeiden gibt. Zusätzliche Reserven gegen die Risikovorsorge ergeben sich aus den Irrationalitäten unseres Umganges mit Risiken. Hunderte von entscheidungspsychologischen Studien zeigen - und ein paar Dutzend davon referiert das Buch -, dass wir gegenüber Wahrscheinlichkeiten blind sind und zumeist nur Schadensgrößen beachten. Dass wir irrelevante Informationen in unsere Risikoeinschätzung hineinverarbeiten. Dass wir dazu neigen, den schlimmsten Fall zum alleinigen Ratgeber zu machen. Dass Angst ansteckt. Und dass uns im Bereich ganz kleiner Wahrscheinlichkeiten das Urteilsvermögen oft völlig im Stich lässt.

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