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: Lobe das Kind nicht vor dem Abend!

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Auf dem Umschlag steht ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace: "Wer sich in irgendeiner Form mit Kunst befasst und Antworten auf die Frage sucht, ob echte Kunst etwas mit Geld, Gläubigkeit, Narzissmus, Liebe, Hass, Verkaufsstrategie, Politik, Moral, kurz: Marktwert und ...

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          Auf dem Umschlag steht ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace: "Wer sich in irgendeiner Form mit Kunst befasst und Antworten auf die Frage sucht, ob echte Kunst etwas mit Geld, Gläubigkeit, Narzissmus, Liebe, Hass, Verkaufsstrategie, Politik, Moral, kurz: Marktwert und ,Wert' im Allgemeinen, zu tun hat, den wird die Lektüre von ,Die Gabe' für immer verändern."

          Lewis Hyde beginnt sein Buch mit einem langen Exkurs über die ethnologischen Theorien der Gabe. Die Gabe ist eine Form des sozialen Verkehrs, bei dem ein Gegenstand von der einen zur anderen Hand gereicht, ohne dass er dabei gegen Geld eingetauscht wird. Die Gabe dient damit einem sozialen Geist, der für den besonderen Zusammenhalt der Stammesgesellschaften, die sich der Gabenform bedienen, wichtig ist. Manche Gegenstände, die als Gabe gelten, wechseln nicht nur einmal den Besitzer, sondern mehrmals.

          In Gesellschaften nun, deren Produkte durch das beherrschende Tauschmittel Geld zu Waren und abstrakt vergleichbar werden, hat nur die Kunst eine Funktion inne, die den Gabengegenständen in manchen Stammesgesellschaften vergleichbar ist. Nach Hyde erfährt der Künstler seine Begabung als ein Geschenk. Das Resultat der Begabung ist das Kunstwerk, das er der Gesellschaft nun wiederum schenkt. Im Kunstwerk zeige sich eine dem Künstler eigene hohe seelische Vitalität, an der die Gesellschaft teilnimmt, wenn sie in den Genuss des Kunstwerkes kommt.

          Kunst ist nur dann belebend, wenn der Künstler sich selbst, und das heißt dem Geschenk seiner Begabung, treu bleibt, deren Sinn nicht darin besteht, für den Markt zu produzieren. Hyde stellt in Künstlerbiographien über Walt Whitman und Ezra Pound vor, wie sich deren Gedanken über den besonderen Wert der Kunst mit ihren Überlegungen zur Ökonomie verschränkten.

          Den Übergang von den Stammesgesellschaften, die eine Gabentradition pflegten, zu den modernen Kunst- und Künstlermythen, die in Warengesellschaften entstehen, bilden Ausflüge zu den theologischen Darlegungen Luthers und Calvins über den Wucher und den Zins, die in Gesellschaften aufkamen, in denen das Geld, das die alten Gemeinschaften auflöst, und das Heil, das nun jeder für sich erlangen soll, die Lehre von den zwei Reichen notwendig zu machen schien.

          Das sind in sehr kurzer Form die leitenden Gedanken, die Hyde vorträgt. Die Unruhe, die einem während der Leküre dieses Buches beschleicht, resultiert nicht daraus, dass man sofort sein Leben aus dem (Waren-)Verkehr ziehen möchte. Wer das tun möchte, braucht nur einige Sätze von Meister Eckhart, die Hyde zitiert, auswendig lernen und so lange aufsagen, bis er den entscheidenden Schritt gemacht hat: "wo und wann Gott dich bereit findet, muss er wirken und sich in dich ergießen; ganz so, wie wenn die Luft lauter und rein ist, die Sonne sich (in sie) ergießen muss und sich dessen nicht enthalten kann. Gewiss, es wäre ein großer Mangel an Gott, wenn er nicht große Werke in dir wirkte und großes Gut in dich gösse, dafern er dich so ledig und bloß findet."

          Unruhig ist man, weil die Geschichte der Gabe, die Hyde erzählt, von dem Kinderglauben ausgeht, dass alles, was man heute globale Welt nennt, ein gutes Ende nehmen wird, solange es noch wahre Kunst und wahre Künstler gibt. Aus dieser Ansicht spricht die anregende jugendliche Aufregung Allen Ginsbergs, jenes amerikanischen, dem Buddhismus anhängenden Dichters, der einmal den alten Ezra Pound in Italien besuchte und ihm dort unter anderem Bob Dylan und Donovan (!) vorspielte. Nahezu alles, was heute Kunst und Kultur genannt wird, spricht gegen die Hoffnung Hydes, dass die Seele, die das wahre Kunstwerk erreichen und beleben soll, überlebt hat - wenn er sich auch dort, wo es ums Ganze geht, in Nebel hüllt. Man ahnt nicht, was ihm vor Augen schwebt, wenn er schreibt: "Wenn auch wir ganz wach sind und der Künstler wirklich begabt war, löst das Werk einen Moment der Gnade aus, bewirkt eine Kommunion, einen Zustand, in dem auch wir die verborgenen Urgründe unseres Seins erkennen und die Fülle des Lebens spüren." Die Fülle des Lebens mit Donovan oder eher mit Hölderlin?

          Die Bedingung dieses grauen Satzes "Wenn auch wir ganz wach werden . . ." scheint Hyde, der die wahre Kunst und die wahren Künstler im Blick hat, aber nicht verrät, wen er alles sieht, keine Sorgen zu machen. Doch auch der Gabentausch in Stammesgesellschaften funktioniert nur dann, wenn der Gebende und der Empfangende wissen, was eine Gabe ist (das ist auch Hyde zumindest in seinem Gaben-Exkurs klar gewesen). Mit dem Geld zieht jener allumfassende Dämmerungzustand auf, aus dem die Kunst nicht erweckt, auch jene Kunst nicht, in der die entflammende Seele steckt. Die Kunst hält den wach, wer schon wach ist.

          Aufwecken kann einen wahrscheinlich nur eine Art jenes Erlebnisses, von dem Meister Eckhard schrieb (und mag dieses Aufwecken auch vor und in einem Kunstwerk geschehen): "Du brauchst ihn weder hier noch dort zu suchen, er ist nicht weiter als vor der Tür des Herzens; dort steht er und harrt und wartet, wen er bereit finde, dass er ihn auftue und ihn einlasse . . . Ihn drängt es tausendmal heftiger nach dir als dich nach ihm: das Auftun und Eingehen, das ist nichts als ein Zeitpunkt." Keiner muss jetzt in die Knie gehen.

          Die Gabe des Lebens ist die allererste Gabe. Letztendlich erhält sich die Vorstellung der Kunst als einer Gabe innerhalb einer Gesellschaft nur in dem Maße, wie dort jene allererste Gabe vom Leben noch erfahren wird. Vor den Künstler- und Schaffensmythen einiger stehen die Lebens- und Ursprungsmythen aller. Die Künstlergabe, wie Hyde sie beschreibt, ist ein Reflex auf eine Leere, die immer größer wird. Das kann einen sehr unruhig machen.

          Lewis Hyde: "Die Gabe". Wie Kreativität die Welt bereichert. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 416 S., geb., 22,90 [Euro].

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