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Lob der deutschen Sprache : Von Lästermäulern und Trümmerfrauen

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Die Neuerungen der Rechtschreibreform gehen auf das Konto von reformfreudigen Linguisten und Politikern. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Einfühlsam, ausdrucksstark und geschmeidig, aber so was von: Roland Kaehlbrandt lobt die deutsche Sprache. Kritisch sieht er allerdings die Orthographiereform und das Gendern.

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          Wenn Deutsche sich über das Deutsche mokieren möchten, zitieren sie gern einen Amerikaner: Mark Twains ironische Bemerkungen über „die schreckliche deutsche Sprache“, über Satzungetüme, Bandwurmwörter und die grammatischen Verschrobenheiten einer überkomplexen Formenfülle gehören längst zur akademischen Popkultur. Sie gelten als geistreiche Begründung dessen, was der Volksmund auf die schlichte Formel bringt: „Deutsche Sprache, schwere Sprache“. Roland Kaehlbrandt, Sprachwissenschaftler an der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft, hält in einem ebenso lesenswerten wie gut lesbaren Buch dagegen: Er präsentiert „zehn große Vorzüge“ des Deutschen und widmet jedem von ihnen ein Kapitel.

          Wie es sich gehört für eine Liebeserklärung – als die das Buch im Untertitel firmiert –, ist der Ton persönlich und von Zuneigung geprägt. Als ersten Vorzug beschreibt Kaehlbrandt die Fähigkeit des Deutschen zu „einfühlsamen und ausdrucksstarken“ Formulierungen. Er begründet das nicht mit dem Gefühlswortschatz, sondern mit den kleinen unscheinbaren Partikelwörtern (Wo bleibt sie bloß? Nun warte halt noch – da kommt sie ja), von denen das Deutsche mehr hat als andere Sprachen. Sie sind keine „Läuse in dem Pelz unserer Sprache“, wie der Stillehrer Ludwig Reiners sie einst abschätzig nannte, sondern Tönungen, die dem Redefluss viele emotionale Nuancen verleihen.

          Als einen weiteren Vorzug des Deutschen benennt Kaehlbrandt die Geschmeidigkeit seiner Wortbildung, die es erlaubt, aus bestehenden Wörtern und Silben spielend leicht neue Begriffe zu fügen. Sie gebiert zwar manchmal Ungeheuer wie das berühmte Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, beschert uns aber meistens prägnante Bezeichnungen, von Luthers Lästermaul über die Trümmerfrau der Nachkriegszeit bis zu einer reich schimmernden Farbwortpalette von goldbraun und silbergrau bis zu taubenblau und ziegelrot.

          Gleichgewicht zwischen Beharrung und Innovation

          Die Geschmeidigkeit der Wortbildung findet ihr Gegenstück in der Gelenkigkeit des Satzbaus, dessen flexible Wortstellungsregeln eine Vielzahl von Fokussierungen erlauben. Auch der von Mark Twain besonders bespöttelten Satzklammer, die als Regel vorsieht, dass das Verb im Nebensatz am Ende und deshalb mitunter, wie in diesem Beispiel, erst nach einer beträchtlichen, Geduld und Gedächtnis des Lesers beanspruchenden Wortstrecke auftaucht, vermag Kaehlbrandt etwas abzugewinnen. Sie bündelt nämlich die Informationen und stellt sie vom Ende her in eine verdichtende Perspektive. Voll kompliziert? Egal! Anderes Kapitel! Dort zeigt Kaehlbrandt: Deutsch geht auch kurz. – Echt jetzt?! – Aber so was von!

          Vorbildlich findet der Autor auch die grammatische Integrationsfähigkeit des Deutschen, die aus einem Import wie downloaden automatisch das einheimische Partizip downgeloadet macht. Allerdings verläuft die Einpassung neuer Fremdwörter nicht immer ganz so reibungslos, wie es bei Kaehlbrandt erscheint. So zeigte eine Studie, dass Sprecher beträchtliche Probleme hatten, frisch entlehnten Anglizismen wie Applet, Constraint oder Jam ein Genus zuzuordnen. Auch sperrige Formen wie das unlimited Datenvolumen zeigen die Grenzen der Assimilation.

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