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: Lob der Außenseiter

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Es zählt zu den sympathischen Zügen der Ethnologie, daß sie sich gegenüber Außenseitern nie verschlossen hat. Der Geologe Franz Boas, der Physiker Bronislaw Malinowski, der Theologe Pater Wilhelm Schmidt, der Philosoph Claude Lévi-Strauss und andere mehr, denen das Fach so wichtige Impulse verdanken sollte, hatten erst nach einigen Umwegen zur Ethnologie gefunden.

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          Es zählt zu den sympathischen Zügen der Ethnologie, daß sie sich gegenüber Außenseitern nie verschlossen hat. Der Geologe Franz Boas, der Physiker Bronislaw Malinowski, der Theologe Pater Wilhelm Schmidt, der Philosoph Claude Lévi-Strauss und andere mehr, denen das Fach so wichtige Impulse verdanken sollte, hatten erst nach einigen Umwegen zur Ethnologie gefunden. Ihnen stehen freilich zahllose Amateure gegenüber, die sich selbst zwar als Ethnologen verstanden, denen diese Anerkennung aber von seiten der Wissenschaft zu Recht versagt geblieben ist. Zehn dieser Randfiguren hat Hans Fischer, der über drei Jahrzehnte hin selbst eine der zentralen Positionen der deutschsprachigen Ethnologie innehatte, seine jüngste Abhandlung gewidmet.

          Die Darstellung beginnt mit dem Werk Moritz Frankenheims, eines 1801 geborenen Gelehrten jüdischer Herkunft, der bereits im Alter von sechsundzwanzig Jahren auf eine außerordentliche Professur für Physik an der Universität Breslau berufen worden war. Neben einigen kristallographischen und astronomischen Studien hat Frankenheim auch ein Buch mit dem Titel "Völkerkunde" publiziert. Als es 1852 erschien, existierte in Deutschland freilich noch kein einziges ethnologisches Museum, und die Einrichtung erster Lehrstühle an den Universitäten lag in noch weiter Ferne. Frankenheim war insofern eher ein Vorläufer als ein Außenseiter der akademischen Ethnologie. Das von zeitgenössischen Vorurteilen über außereuropäische Völker erstaunlich freie Werk dieses liberalen Gelehrten für die Wissenschaftsgeschichte wiederentdeckt zu haben ist zweifellos ein Verdienst. Doch hat Frankenheim mit den skurrilen Persönlichkeiten im Umfeld des Faches, denen Fischers Aufmerksamkeit ansonsten gilt, nur wenig gemeinsam.

          Zu ihnen gehört zum Beispiel ein Hochstapler namens Mundt-Lauff, der sich nicht nur mit allen möglichen akademischen Titeln schmückte, sondern darüber hinaus behauptete, von 1858 an fast zwölf Jahre auf den Philippinen, auf Formosa und im ozeanischen Raum verbracht zu haben. Seine Artikel wurden in führenden wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert. Sie waren aber samt und sonders aus den Veröffentlichungen anderer abgeschrieben. Wegen verschiedener Betrügereien verfügte Mundt-Lauff über eine intime Kenntnis deutscher Haftanstalten, die Südsee aber hat er nie gesehen. Von Kapitän Alfred Tetens, der im Auftrag des Hamburger Handelshauses Godeffroy die Inselwelt Ozeaniens bereiste, läßt sich dies zwar nicht behaupten. Seine erhalten gebliebenen ethnologischen Notizen weisen ihn überdies als exakten Beobachter aus. Doch stammt das populäre Südseebuch, das 1899 unter seinem Namen erschien, aus der Feder eines anderen, der die Aufzeichnungen des Handelskapitäns phantasiereich ausschmückte und mit nationalistischen Parolen versah.

          Wie ein Abenteuerroman liest sich das von Fischer rekonstruierte Schicksal des Hannoveraner Kaufmannssohns Bruno Mencke, der das Vermögen seines verstorbenen Vaters in eine Luxusyacht investierte, einige Wissenschaftler anheuerte und mit ihnen im Juli 1900 zu einer Reise aufbrach, die er hochtrabend zur "1. Deutschen Südsee-Expedition" erklärte. Bereits ein knappes Jahr später fand der Dreiundzwanzigjährige auf der Insel St. Matthias den Tod durch die Speere Einheimischer, deren Kokosplantagen er hatte zerstören lassen. Dem anschließenden Rachefeldzug der deutschen Kolonialtruppen fielen 81 Inselbewohner zum Opfer. Die wissenschaftliche Ausbeute der Menckeschen Expedition aber war kaum der Rede wert. Neben einigen kleineren Aufsätzen seiner wissenschaftlichen Reisebegleiter umfaßte sie an die fünfhundert völkerkundliche Exponate, von denen sich jedoch später herausstellte, daß Mencke sie zum Großteil aus anderen Sammlungen zusammengekauft hatte.

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