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Literaturforschung : Ich bin von heute, Sie sind von gestern

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          4 Min.

           

          Von Generation sowie Generationen im Plural kann auf irritierend unterschiedliche Weise die Rede sein. Man kennt Generationengerechtigkeit, Zellgenerationen in der Natur oder im Reagenzglas, Produktgenerationen, lost generation, "zweite" und "dritte" Generation von Migranten oder Überlebenden des Holocaust - und im Stile eines populären Markenzeichens: die Generation Golf. Blickt man in die Geschichte, wird die Sache nicht einfacher. Und gerade das ist interessant.

          Einer von Sigrid Weigel geleiteten Forschungsgruppe am Zentrum für Literaturforschung in Berlin ist es zu verdanken, dass auf die bemerkenswerte Vieldeutigkeit (bei gleichzeitiger Dauerkonjunktur) der Generationenbegrifflichkeit in den letzten Jahren Licht fällt. Nach zahlreichen Aufsatzpublikationen und einer programmatischen Monographie unter dem Titel "Genea-Logik", geschrieben von Weigel selbst, bieten nun der Wissenschaftshistoriker Ohad Parnes und die Literaturwissenschaftler Ulrike Vedder und Stefan Willer eine Art Landkarte: Wo und wie kommt es vor, das "Konzept der Generation"?

          Verzicht auf Pompöses

          Die Autoren greifen weit aus, was der Materiallage offenkundig angemessen ist. Behandelt werden die Übersetzungs- und Begriffsgeschichte im engeren Sinne, das genealogische Denken im Mittelalter, im Mythos, in der frühen Neuzeit - Menschen, Göttergeschlechter, aber auch Sprachen erscheinen hier im Herkunftsschema der Generation. Erst die frühe Physiologie des 17. Jahrhunderts stiftet im Rückgriff auf Aristoteles einen stofflichen Naturalismus der Generation - bevor um 1800 die moderne Biologie auftritt, und zwar zeitgleich mit einem neuen Pathos der Gegenwart und "künftigen" Generationen in der Geschichtsphilosophie.

          Auch im Geniebegriff, das arbeiten die Autoren mit Nachdruck heraus, stecken deutliche Verweise auf die Generation: Zeugung, Fruchtbarkeit, Weitergabe. Die Ästhetik enthält folglich an der Wende zum 19. Jahrhundert eine "physiologische Spur" - und als in der Folgezeit, mit Francis Galton und anderen, die Vererbungslehre den Geniebegriff in sich aufnimmt, beherrschen in der schönen Literatur wiederum Familien- und Verwandtschaftsdramen das Bild. Mit Kapiteln über das Generationskonzept in der Soziologie sowie der Eugenik der zwanziger und dreißiger Jahre, über die "Generationenkluft" als Topos der Nachkriegszeit, über die Traumaforschung und ihre Modelle der Übertragung von Verletzungen über Generationen hinweg wird auch das 20. Jahrhundert inspiziert. Das letzte Kapitel des Buches widmet sich ganz der Literatur: zum einen der literarischen Verarbeitung des Themas Klonen, zum anderen der Figur des Hermaphroditen. Gegenwärtig zeigen Romane von Michel Houellebecq, Kazuo Ishiguro, Jeffrey Eugenides vertraute Generationenmuster wie auch vertraute Geschlechterzuschreibungen in der Krise.

          Was die Autoren fasziniert, können sie auch reichhaltig belegen: Die Rede von der "Generation" ist tatsächlich in vielen Feldern zu Hause - und dies, ohne dass sich eine Grundbedeutung dingfest machen ließe oder auch nur ein eindeutiges Herkunftsfeld. Die Autoren nennen das "nicht reduzierbare Vielgestaltigkeit": Von Anfang an meint das Wort ebenso sehr einen genealogischen Sachverhalt (dabei die Zeugung oder Schöpfung selbst wie auch das Resultat derselben) wie eine temporale Struktur und - beides miteinander verbindend - das Namhaftmachen einer Gegenwartsgemeinschaft oder Zeitgenossenschaft. Lediglich, dass wir inzwischen technische Produktreihen als Generationen bezeichnen, stellt wohl eine moderne Bedeutungsfacette dar.

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