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Literatur : West-östliche Diven

  • -Aktualisiert am

Über den Dächern Beiruts: West neben Ost Bild: AP

Der schwule deutsche Autor Joachim Helfer wird während eines Kulturaustauschs in Beirut Vater. Sein libanesischer Gastgeber und Kollege Rashid al-Daif spricht von Heilung - und verpackt die Geschichte in einem neuen Buch.

          Dieses Buch fährt wie ein Blitz in eine dunkle Welt hinein. In eine Welt, die dominiert wird von Haß und Krieg und Terror, einem weiteren und immer weiteren Auseinanderdriften der westlichen und der arabischen Welt auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite wahnsinnig aufgeklärten Kulturdialogen einer aufgeklärten Intellektuellenschicht, die sich bei allen möglichen deutsch-arabischen Kulturaustauschanlässen gegenseitig auf die Schultern klopft, sich aufgeklärt und tolerant gibt und alle Unterschiede negiert.

          Dieses Buch verschweigt nichts, kein Vorurteil, keine Intimität und kein Klischee. Mehr als einmal, das bekennt einer der Autoren am Ende des Buches, werden hier die Grenzen des guten Geschmacks verletzt, mehr als einmal staunt man als Leser über diese Offenheit. Über diese Geschichte. Es ist ein Märchen aus der Welt der Wirklichkeit, eine wahre Geschichte, die auf zwei unterschiedlichen Planeten zu spielen scheint. Lebendige Literatur.

          Ich zeige dir meine Welt und du mir deine

          Es beginnt, wie es langweiliger nicht beginnen könnte. Zwei Schriftsteller, ein Libanese und ein Deutscher, werden für das Autorenaustauschprogramm West-östlicher Diwan ausgewählt, ein Programm, das regelmäßig deutsch-arabische Autorenpaarungen zusammenstellt. Jeder ist für sechs Wochen im Land des jeweils anderen zu Besuch, und der Gastgeber zeigt dem Kollegen seine Welt, seine Kultur, sein Land.

          Der schwule deutsche Autor Joachim Helfer wird in Beirut Vater

          Im Jahr 2003 war das der fast sechzigjährige libanesische Erfolgsautor Rashid al-Daif und der um zwanzig Jahre jüngere, bislang noch weniger erfolgreiche Deutsche Joachim Helfer. Beide haben ihre Erlebnisse aufgeschrieben, haben ein Porträt des jeweils anderen angefertigt, es wurden schonungslose und zugleich liebevolle Porträts von Vorurteilen und Klischees, von kulturellen Beschränktheiten des anderen und ihrer selbst.

          „Bücher verbietet man nicht.“

          Al-Daif machte den Anfang. Er schrieb die sehr intime Geschichte Joachim Helfers auf, und als der Leiter des Programms, Thomas Hartmann, Helfer den übersetzten Text vorlegte, sagte er dazu: „Das kann natürlich nie erscheinen. Das wirst du nie zulassen und kannst es auch gar nicht.“ Doch Helfer konnte. „Bücher verbietet man nicht“, sagt er im Gespräch. „Egal wie und was: Bücher dürfen unter keinen Umständen verboten werden.“

          Daifs Text ist im Libanon unter dem Titel „Wie der Deutsche zur Vernunft kam“ inzwischen zum Bestseller geworden. Für die jetzt erscheinende deutsche Ausgabe (“Die Verschwulung der Welt - Rede gegen Rede“, Edition Suhrkamp, 10 Euro) hat Helfer Daifs Text mit eigenen Kommentaren, die zusammengenommen ihrerseits ein Porträt Daifs ergeben, unterbrochen. Das Buch dokumentiert einen anfangs freundlichen, später bitteren Kampf um die Deutungshoheit einer unglaublichen Geschichte.

          Stolz und Vorurteil

          Alles fängt damit an, daß Thomas Hartmann Rashid al-Daif seinen deutschen Austauschpartner vorstellte. Bei Daif liest sich das so: „Er erwähnte seine Werke, sagte mir etwas über seine Tätigkeiten und dergleichen mehr. Auffallend war aber, daß er nachdrücklich darauf hinwies, daß dieser Schriftsteller homosexuell sei! Als ich merkte, daß er bei diesem Thema blieb, sagte ich, daß dies seine Sache sei und mich nichts anginge.“

          Daif wundert sich, warum darauf so eindrücklich hingewiesen wurde, erklärt es sich mit seiner arabischen Herkunft und daß man ihm vielleicht gerade noch rechtzeitig die Möglichkeit geben wollte, den Austausch unter diesen Umständen abzusagen oder einen anderen Austauschpartner zu verlangen. Doch Daif weist das als aufgeklärter, säkularer Libanese und Kommunist natürlich zunächst weit von sich. Aber bald schon kann man lesen, wie sich in seinen Gedanken, in seinem Text doch langsam Zweifel bilden, ob ihn diese Information nicht doch mehr beunruhigt, als er zunächst zugeben wollte.

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