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Literatur : Trautes Werkstattgespräch

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Selten, daß eine Literaturgeschichte das Vergessen ihres Gegenstandes, der Werke, der Dichter, die sie vorstellt, schon mit eingeplant hätte! Auf nicht mehr als zwanzig Jahre kalkuliert Helmut Böttiger das Haltbarkeitsdatum der Autoren, die er in seine "Geschichte der Gegenwartsliteratur" aufgenommen ...

          Selten, daß eine Literaturgeschichte das Vergessen ihres Gegenstandes, der Werke, der Dichter, die sie vorstellt, schon mit eingeplant hätte! Auf nicht mehr als zwanzig Jahre kalkuliert Helmut Böttiger das Haltbarkeitsdatum der Autoren, die er in seine "Geschichte der Gegenwartsliteratur" aufgenommen hat. In doppeltem Sinne erweist sich damit der Literaturkritiker als Kind seiner Zeit: Zeitgemäß ist die aufgeklärte Einsicht in die Relativität aller Maßstäbe, zeitbedingt aber auch die Resignation vor der Schnellebigkeit des Betriebs. Zufälligkeit und Subjektivität der Auswahl können dem Verfasser dieser Geschichte der Literatur aus immerhin sechzig Jahren nach solch weiser Zurückhaltung kaum mehr vorgeworfen werden. So ist man denn auch geneigt, die zufällige Auswahl, die hier ein Rezensent aus der massenhaften literarischen Marktware trifft, als Wegweiser durchs Dickicht des Angebots zu akzeptieren, um so eher, als der Zufall, wie stets, auch hier Methode hat.

          Als Rezensent bleibt Böttiger auch in seiner Literaturgeschichte "Nach den Utopien" mit den Lesern im Gespräch und mutet ihnen nie ein unbekanntes und noch viel weniger ein unbequemes Buch zu: "Und selbstverständlich sind alle im vorliegenden Buch porträtierten Autoren auch unterhaltsam", so beruhigt er sie. Damit macht Böttiger seine Literaturgeschichte zu einer Geschichte des literarischen Zeitgeschmacks. Dieser läßt fast nur noch eine einzige Gattung gelten, den Roman, und entsprechend besetzen neben dem Lyriker Durs Grünbein und einigen Dramatikern die Romanschriftsteller das Feld des literarischen Bewußtseins, das hier skizziert wird.

          Dem Diktat des Publikums gehorchend, geht Böttiger von Name und Werk aus und macht seine Geschichte zu einer Anthologie aus Monographien über Wilhelm Genazino, Wolfgang Hilbig, Herta Müller, Robert Menasse, Ingo Schulze oder Elfriede Jelinek. Es handelt sich um ein Repetitorium dessen, was in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Medien ausgezeichnet wurde, auch wenn Böttiger mit "Zündels Abgang" von Markus Werner einen Roman bespricht, der "fast geheimbündlerisch weitergereicht" worden sei.

          Eine andere Ordnung als die nach Autoren und Werken schleicht sich auch unterderhand nicht ein. Der Blick von oben, welcher Wege und Leitlinien zu erkennen vermöchte, denen auch die Autoren, bewußt oder unbewußt, gehorchen mußten, gälte Böttiger schon als ein Zuviel an Distanz. Würde man aber von solch erhabener Perspektive aus allein die thematischen Spuren verfolgen, die den hier abgesteckten Zeitraum durchqueren, so sähe man, wie sich die Autoren Rastplätze suchten, die deutlich beschriftet sind, etwa mit der Bezeichnung "Publikumsbeschimpfung" in den sechziger und siebziger Jahren, "Kindheit im Faschismus" in den achtziger Jahren oder "Selbstentblößung" und schließlich die "Rückkehr zum Erzählen".

          Die Auswahl nach Namen und Werken zeigt schon, daß Böttiger auf stilistische und formalistische Kriterien verzichtet. Was irgend der experimentellen Moderne zuzuordnen wäre, übergeht er: statt Brinkmann, Wühr, Pastior also Grünbein, statt Heiner Müller Strauß und Strittmatter, statt Arno Schmidt fast nur Autoren mit realistischen Milieuschilderungen. Im Kapitel "Schwarzwald ist überall" lobt Böttiger Thomas Strittmatters in Kranichstein vorgelesene Prosa: "Nichts Junggenialisches, Experimentelles, nichts Deutsch-Deutsches oder Dissidentisches, und auch keine Innenschau in eine zeitgenössisch leere Psyche. Strittmatter las Szenen aus einer archaischen Welt, aus einer Handwerkerwerkstatt, mit wenigen lastenden Dialogen."

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