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Literatur : Trautes Werkstattgespräch

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Da Böttiger die Moderne überspringt, kommt ihm die "Ostmoderne" um so gelegener. Diese entstand aus dem Protest gegen den sozialistischen Realismus und fiel statt dessen, zumal nach der Wende, zurück in den poetischen Realismus, der durch Sozialkritik und politische Moral aufgerauht und dem zeitgenössischen Bewußtsein angepaßt wurde. Böttigers Präferenz für solche Milieuschilderungen und seine Methode einer wertenden Nacherzählung handlicher Stoffe werden bereits im ersten Kapitel mit dem schulterklopfenden Titel "Platzhirsche" erkennbar. Nach Charakteristiken von Günter Grass und Christa Wolf beschreibt Böttiger die "Ironie-Falle", in die Martin Walser, unser "großer Sprachausstatter", getappt sei. In den "Frankfurter Vorlesungen" habe Martin Walser zwischen der Ironie Robert Walsers, einem sokratischen "Unerbittlichkeitsstil", und der Thomas Manns unterschieden, für den die Ironie ein "selbstgenügsames bürgerliches Spiel" gewesen sei. Martin Walser habe sich zwar für den Namensvetter Robert entschieden, Böttiger aber weist ihm seine Familienähnlichkeit mit Thomas Mann nach: "Es gibt eine Sehnsucht nach dem Scheitern in letzter Konsequenz. Robert Walser meinen, aber wie Thomas Mann schreiben - das ist das Dilemma."

Das Dilemma Böttigers ist es, daß auch er in der Gegenwartsliteratur Robert Walsers unerbittliche Träumer sucht und nur lauter Kleinbürger findet. Statt auf einen Fremdling stößt er auf larmoyante Außenseiter, auf Hilbigs "Heizer" etwa oder auf Reinhard Jirgls ehemaligen Elektroingenieur, statt einer Groteske trifft er nur alltägliches Unglück an. Immerhin umgibt Böttiger seine Literaturgeschichte mit einem kulturpolitisch auffälligen Rahmen. Neu ist es zwar nicht, die Gegenwartsliteratur mit der "Gruppe 47" beginnen zu lassen, neu aber, diese Dichtervereinigung zum Kern einer Entwicklung zu machen, die sich von dieser Prägung nie mehr lösen konnte: Das "Werkstattgespräch" sei die Kommunikationsform, aus der alle Gegenwartsliteratur entspringe. Sie löst den Freundschaftskult der Dichter von der Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert ab und öffnet den privaten Zirkel sachte, aber unaufhaltsam für die Öffentlichkeit: Die Medien mischen sich ins Autorengespräch ein, die Literaturseiten der Feuilletons vermehren sich, Bestsellerlisten entstehen, Jurys, Talkshows und Dichterlesungen ziehen den Autor vors Publikum und steuern die Aufmerksamkeit, zunehmend "gilt das Verdikt der Mehrheit, der Quote, der Massenakzeptanz". Böttiger endet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis als dem letzten Versuch, das Werkstattgespräch zu retten, indem sich Vertreter der Medien mit Autoren arrangieren.

Von einer Sammlung einzelner Rezensionen zu einer Literaturgeschichte der Gegenwart hätte sich Böttigers Buch erst entwickelt, wenn es den im Rahmen skizzierten Zusammenhang von Lesung, Stil, Motiv, Erzählung und öffentlichem Auftritt auch in den einzelnen Darstellungen wiedergefunden hätte, wenn also Böttiger hätte zeigen wollen, wie die Milieuschilderung der Phantasie eines Abendgastes im Literaturhaus entgegenkommt, wie die neue Einfachheit des Erzählstils sich seiner gesprochenen Sprache anpaßt. Experimentelle Autoren fehlen deshalb in diesem Buch. Nicht zufällig endet dieses Buch mit den Lesungen im Kanzleramt: Hier zeigt sich, daß die Literaturkritik die Volksabstimmung zu akzeptieren hat.

HANNELORE SCHLAFFER

Helmut Böttiger: "Nach den Utopien". Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004. 310 S., geb., 24,90 [Euro].

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