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Filme hinterm Eisernen Vorhang : Hemmungslose Avant­­garde im Abendprogramm

  • -Aktualisiert am

Was öffentlich-rechtlich einmal möglich war: Claude-Oliver Rudolph (links) und Horst Tappert in einer 1991 von Zbyněk Brynych gedrehten Folge von „Derrick“ Bild: Picture Alliance / United Archives

Lisa Gotto und Dominik Graf nehmen die Filmkultur im realexistierenden Sozialismus unter die Lupe. Zugleich polemisieren sie gegen das deutsche Kino von heute, in dem gelungene, aber unbotmäßige Drehbücher keine Chance haben.

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          Im Sommer 1866 herrscht Krieg zwischen Preußen und Österreich. Die Truppen sind in halb Europa unterwegs, sie bringen auch eine Krankheit in Umlauf: die Cholera. In dem Film „Sommer der Leidenschaft“ von Judit Elek aus dem Jahr 1984 ist ein Huhn das erste Opfer der Seuche. Später sterben auch Menschen, doch die eigentliche Krankheit, von der erzählt wird, ist für die Filmwissenschaftlerin Lisa Gotto eine andere: „Chronos ist der Erreger. Die Zeit heilt keine Wunden, sie selbst ist das Gebrechen, ein sichtbar ge­machtes Krankheitsbild.“

          Gotto wendet sich mit ihrem Text über „Sommer der Leidenschaft“ auch gegen eine geläufige Konsequenz der Zeitlichkeit: Dinge geraten in Vergessenheit. Filme, Bücher, Momente fallen in die Ge­schichte zurück und müssen daraus ge­borgen werden. Die Gegenwart der Werke von Judit Elek ist durch vielerlei Hindernisse eingeschränkt: Sie müssen von unterschiedlichen Trägermedien technisch gesichert werden, und dann benötigen sie auch noch eine Hinführung, denn einfach so wird sich nicht erschließen, was eine filmkünstlerisch hochbegabte Frau im kommunistischen Ungarn vor 1989 zu erzählen versuchte.

          Beobachtungsintensiver Enthusiasmus

          Das Buch „Kino unter Druck“, in dem Do­minik Graf und Lisa Gotto sich mit „Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang“ beschäftigen, versucht sowohl konkrete Hin­­­führungen zu bewahrenswerten Werken zu geben als auch ­ – zumindest in An­sätzen ­ – eine Theorie zu entwickeln, war­um in den staatlich gelenkten, ideologisch überwachten Filmkulturen der Länder des real existierenden Sozialismus immer wieder so großartige Filme entstanden sind. Meisterwerke von Věra Chytilová in der da­­maligen Tschechoslowakei, von Andrzej Wajda in Polen, von Márta Mészáros in Ungarn.

          Lisa Gotto und Dominik Graf: „Kino unter Druck“. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang.
          Lisa Gotto und Dominik Graf: „Kino unter Druck“. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang. : Bild: Alexander Verlag

          Mit Dominik Graf und Lisa Gotto treffen sich dabei zwei Menschen mit sehr un­terschiedlichem Hintergrund auf einem gemeinsamen Terrain: Graf ist einer der bedeutendsten Filmkünstler Deutschlands, gerade kommt von ihm „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ ins Kino, eine Verfilmung des Romans von Erich Kästner; Gotto unterrichtet Theorie des Films in Wien. Das gemeinsame Terrain ist ein konkreter, detailreicher, beobachtungsintensiver Enthusiasmus für die vorgestellten Filme – „schöne, zarte, fast schon entglittene Filme“.

          Analytisch und schwärmerisch

          Im Innersten von „Kino unter Druck“ steckt auch eine Polemik. Sie zielt auf den deutschen Film von heute, zu dem Dominik Graf zählt, zu dem er aber immer wieder eine prononcierte Außenseiterposition eingenommen hat. Es ist ein Kino der Schubladen, in dem die Wahrscheinlichkeit, dass „fantastische, großartige, aber etwas unbotmäßige Drehbücher“ um Förderung ansuchen, geschweige denn auf Realisierung hoffen, gering ist. Der Kampfbegriff Staatskino, den Graf bei Klaus Lemke vernommen hat, „ist schon nicht so falsch“.

          Aus dem Widerstand gegen die Zensur oder gegen den Druck der offiziellen Stellen „hinter dem Eisernen Vorhang“ hingegen erwuchs eine „raffinierte, erfinderische Fantasie“ (André Bazin), ein „kommunikativer Geheimpakt mit dem Publikum“ (Lisa Gotto), und in einem Spezialfall wie bei dem bayerischen Exiltschechoslowaken Zbyněk Brynych dann eben der große Clou: „hemmungsloseste Avant­­garde im Abendprogramm“. Brynych war eine Weile ein Handwerker im deutschen Fernsehen, dessen Folgen für Krimiserien wie „Derrick“ von Fans schon seit längerer Zeit kultisch verehrt werden. Graf gehört zu diesen Fans, seine Texte über Brynych in dem vorliegenden Band sind zugleich analytisch und schwärmerisch. Sie hätten auch eine re­flexive Vertiefung verdient, denn bei Brynych ist der Widerspruch ja produktiv aufgehoben, den „Kino unter Druck“ gleichsam zur Voraussetzung der Kunstwerke macht: Die Folge „Yellow He“ aus „Derrick“ ist zugleich reine öffentlich-recht­liche Kulturindustrie und radikale künstlerische Subjektivität. Dominik Graf findet bei Brynych viele Momente von „heute noch beglückender BRD-Schmutzigkeit“ und fasst zusammen: „Der deutsche Film war immer nur an seinen dunkelsten Orten wirklich.“

          Eine filmhistorische Flugschrift

          Es kann als Glücksfall betrachtet werden, dass Graf sich für eine Veröffentlichung seiner zuvor schon (auch in der F.A.Z.) veröffentlichten Texte zum osteuropäischen Kino mit Lisa Gotto zu­sammengetan hat. Denn sie ergänzt nicht nur systematisch und filmhistorisch be­gründet die Begeisterungen, die bei ihm sehr stark an DVD-Veröffentlichungen gebunden sind. Durch Gotto wird „Kino unter Druck“ tatsächlich auch zu einer zwar auf Hauptpositionen verdichteten, aber gründlichen Geschichte der Kinematographien im früheren Ostblock (ab­züglich der Sowjetunion, das hätte jeden Rahmen gesprengt). Gerade am Beispiel von Judit Elek kann man sehr schön sehen, dass Gotto sorg­fältige, sehr lesbare Filmanalysen mit historiographischen Grundlagen verbindet. Immer wieder tauchen Filme auf, von de­nen man sofort den Eindruck bekommt, sie dringend einmal sehen zu müssen – wobei Judit Eleks Langzeitdokumentationen für das ungarische Fernsehen aus den Siebzigerjahren wohl noch eine Weile und vielleicht für immer ein editorisches Desideratum bleiben werden.

          „Kino unter Druck“ ist am besten als eine filmhistorische Flugschrift zu lesen. Das Buch enthält viele Anregungen: zu Diskussionen, die einer theoretischen Vertiefung bedürften (die Rolle der Zensur im Kommunismus, im Kapitalismus und in wattierten Systemen wie dem deutschen Förderkino), zu Überlegungen über den Status von Filmgeschichte insgesamt (auch Graf und Gotto sind weitgehend an erreichbare Veröffentlichungen gebunden, wo aber wäre eine europäische Institution, die kompetent und auf dem Stand heutiger Forschung und jenseits der Be­gehrlichkeiten nationaler Identitätspolitiken in die Leerstellen der Überlieferungen geht?). Schließlich läuft der kleine Band aber vor allem auf Anregungen hinaus, sich Filme anzusehen: „Die Mädchen von Wilko“ von Andrzej Wajda und „Ein Sack voller Flöhe“ von Věra Chytilová seien zuerst hervorgehoben. Danach alles von Judit Elek. Und natürlich von Zbyněk Brynych.

          Lisa Gotto und Dominik Graf: „Kino unter Druck“. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang. Alexander Verlag, Berlin 2021. 160 S., Abb., br., 16,90 €.

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