https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/lisa-gottos-und-dominik-grafs-buch-kino-unter-druck-17468118.html

Filme hinterm Eisernen Vorhang : Hemmungslose Avant­­garde im Abendprogramm

  • -Aktualisiert am

Was öffentlich-rechtlich einmal möglich war: Claude-Oliver Rudolph (links) und Horst Tappert in einer 1991 von Zbyněk Brynych gedrehten Folge von „Derrick“ Bild: Picture Alliance / United Archives

Lisa Gotto und Dominik Graf nehmen die Filmkultur im realexistierenden Sozialismus unter die Lupe. Zugleich polemisieren sie gegen das deutsche Kino von heute, in dem gelungene, aber unbotmäßige Drehbücher keine Chance haben.

          4 Min.

          Im Sommer 1866 herrscht Krieg zwischen Preußen und Österreich. Die Truppen sind in halb Europa unterwegs, sie bringen auch eine Krankheit in Umlauf: die Cholera. In dem Film „Sommer der Leidenschaft“ von Judit Elek aus dem Jahr 1984 ist ein Huhn das erste Opfer der Seuche. Später sterben auch Menschen, doch die eigentliche Krankheit, von der erzählt wird, ist für die Filmwissenschaftlerin Lisa Gotto eine andere: „Chronos ist der Erreger. Die Zeit heilt keine Wunden, sie selbst ist das Gebrechen, ein sichtbar ge­machtes Krankheitsbild.“

          Gotto wendet sich mit ihrem Text über „Sommer der Leidenschaft“ auch gegen eine geläufige Konsequenz der Zeitlichkeit: Dinge geraten in Vergessenheit. Filme, Bücher, Momente fallen in die Ge­schichte zurück und müssen daraus ge­borgen werden. Die Gegenwart der Werke von Judit Elek ist durch vielerlei Hindernisse eingeschränkt: Sie müssen von unterschiedlichen Trägermedien technisch gesichert werden, und dann benötigen sie auch noch eine Hinführung, denn einfach so wird sich nicht erschließen, was eine filmkünstlerisch hochbegabte Frau im kommunistischen Ungarn vor 1989 zu erzählen versuchte.

          Beobachtungsintensiver Enthusiasmus

          Das Buch „Kino unter Druck“, in dem Do­minik Graf und Lisa Gotto sich mit „Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang“ beschäftigen, versucht sowohl konkrete Hin­­­führungen zu bewahrenswerten Werken zu geben als auch ­ – zumindest in An­sätzen ­ – eine Theorie zu entwickeln, war­um in den staatlich gelenkten, ideologisch überwachten Filmkulturen der Länder des real existierenden Sozialismus immer wieder so großartige Filme entstanden sind. Meisterwerke von Věra Chytilová in der da­­maligen Tschechoslowakei, von Andrzej Wajda in Polen, von Márta Mészáros in Ungarn.

          Lisa Gotto und Dominik Graf: „Kino unter Druck“. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang.
          Lisa Gotto und Dominik Graf: „Kino unter Druck“. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang. : Bild: Alexander Verlag

          Mit Dominik Graf und Lisa Gotto treffen sich dabei zwei Menschen mit sehr un­terschiedlichem Hintergrund auf einem gemeinsamen Terrain: Graf ist einer der bedeutendsten Filmkünstler Deutschlands, gerade kommt von ihm „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ ins Kino, eine Verfilmung des Romans von Erich Kästner; Gotto unterrichtet Theorie des Films in Wien. Das gemeinsame Terrain ist ein konkreter, detailreicher, beobachtungsintensiver Enthusiasmus für die vorgestellten Filme – „schöne, zarte, fast schon entglittene Filme“.

          Analytisch und schwärmerisch

          Im Innersten von „Kino unter Druck“ steckt auch eine Polemik. Sie zielt auf den deutschen Film von heute, zu dem Dominik Graf zählt, zu dem er aber immer wieder eine prononcierte Außenseiterposition eingenommen hat. Es ist ein Kino der Schubladen, in dem die Wahrscheinlichkeit, dass „fantastische, großartige, aber etwas unbotmäßige Drehbücher“ um Förderung ansuchen, geschweige denn auf Realisierung hoffen, gering ist. Der Kampfbegriff Staatskino, den Graf bei Klaus Lemke vernommen hat, „ist schon nicht so falsch“.

          Weitere Themen

          Fußball, Mode und Urlaub

          Spanien-Bild der Medien : Fußball, Mode und Urlaub

          Wenn Spanien in den internationalen Medien auftaucht, geht es selten um Politik. Dafür erscheint das Land einer Studie zufolge als Ferienparadies und „Fußballmacht“. Das sei gar nicht so schlecht.

          Topmeldungen

          Fast wie im Silicon Valley: Apple-Chef Tim Cook (Mitte) lässt sich im Münchner Entwicklungszentrum von seinen Ingenieuren deren Arbeit erklären.

          Tim Cook in Deutschland : In München kennt Apple keine Krise

          Das größte Entwicklungszentrum des iPhone-Konzerns steht vor der Fertigstellung. Der Chef steht unbeirrt zum Standort Deutschland und zieht schon Vergleiche mit dem Silicon Valley.
          Russlands Präsident Wladimir Putin verliert an Rückhalt.

          Fachmann im Interview : „Er sagt sich: Wer braucht eine Welt ohne Putin?“

          Die wichtigste Methode Putins war bisher die Demobilisierung des eigenen Volks. Jetzt setzt er auf Mobilisierung. „Das ist ein absolut neues Experiment“, sagt der Moskauer Sozialwissenschaftler Grigorij Judin im Interview.
          Angeblich breite Unterstützung: Der Luhansker Separatistenführer Leonid Pasetschnik bei der Verkündung von „Ergebnissen“ des Referendums

          Nach Scheinreferenden : Russische Besatzer bitten Putin um Anschluss

          Anführer der russischen Besatzer erklären, sie hätten sich an den russischen Präsidenten Putin gewandt. Während Moskau einen Fahrplan für die Annexionen skizziert, kündigt die Ukraine an, weiterzukämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.