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Geschichte der Filmregisseure : Der Stream ist der Autor

Cut - die Zeit der großen ­Kommandeure und Visionäre auf dem Regiestuhl ist vorbei. Bild: Corbis/Getty Images

Vom Usurpator zum Angestellten, vom Visionär zur schattenhaften Gestalt: David Thomson erzählt in seinem neuen Buch „Light in the Dark“ die Geschichte der Filmregisseure.

          5 Min.

          Wer ins Kino geht, kommt selten wegen der Regisseure. Es sind die Gesichter, die Effekte, die Geschichten, vielleicht die Werbung oder das Erlebnis, mit anderen im dunklen Saal auf die helle Leinwand zu schauen, die einen verlocken. So sind wir alle zunächst ins Kino gegangen – mit einer großen, diffusen Neugier, und jede Generation hat dabei ihre eigenen Initiationserlebnisse gehabt. Ob das nun „Bambi“ war oder „Findet Nemo“ oder „Grün ist die Heide“.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mit der Zeit, als aus einem ein regelmäßiger Kinogänger wurde, als man merkte, dass das Kino eine Schule des Fühlens und des Denkens war, fing man an zu fragen, weil das auf einmal so viele um einen herum taten, wer diese Filme gemacht hatte, wer der Urheber, der Autor war.

          Regisseursnamen repräsentierten eine bestimmte Sicht auf die Welt. Das war das Kino der Autoren, und man konnte es gar nicht verpassen, wenn man in den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren sozialisiert wurde.

          Wer hat's erfunden? Die Franzosen

          Regisseure – und Männer waren es fast ausschließlich – hatten eine Handschrift, einen unverwechselbaren Stil. So sah es das „cinema des auteurs“, das mit der Nouvelle Vague aus Frankreich kam: Autoren mit einer Vision statt anonymer Industrieprodukte mit Stars.

          Diejenigen, die diese Theorie predigten, bevor sie selber Filme machten, hatten sie auch rückwirkend angewandt: Noch in der goldenen Zeit von Hollywoods Studiosystem fanden sie verkannte „Autoren“ wie Howard Hawks oder Nicholas Ray.

          Einen Film als das Werk eines einzelnen Masterminds wahrzunehmen ist nun aber keine spontane oder selbstverständliche Reaktion auf das Medium.

          Das weiß auch David Thomson sehr genau, der 1949, mit acht Jahren, in einem Londoner Kino „Red River“ mit John Wayne und Montgomery Clift sah und natürlich nicht wusste, dass der Regisseur Howard Hawks hieß – was seiner lebenslangen Begeisterung für „Red River“ nicht geschadet hat.

          Thomsons neues Buch heißt „A Light in the Dark“, es ist, wie der Untertitel sagt, „eine Geschichte der Regisseure“ mit vielen Fallstudien. Thomson, den viele für einen der besten lebenden Filmpublizisten halten, der gut zwei Dutzend Bücher veröffentlich hat (von denen peinlicherweise kaum eines auf Deutsch vorliegt), ist gerade achtzig Jahre alt geworden, ist also mit Hollywood und dem Autorenkino aufgewachsen.

          Bloß keine Ausgewogenheit!

          Ihm geht es in seiner Geschichte so wenig um Ausgewogenheit und Vollständigkeit wie in seinem bekanntesten Buch „A Biographical Dictionary of Film“, das mittlerweile in sechster Auflage vorliegt und die Vorstellung vom „objektiven“ Lexikon dekonstruiert.

          Thomson bietet seine immensen Seherfahrungen, seinen Scharfsinn und seine Urteilskraft auf, er macht kein Geheimnis aus Vorlieben, Abneigungen und Idiosynkrasien.

          Wer zum Beispiel John Ford, Frank Capra, Billy Wilder, Stanley Kubrick oder Lars von Trier verehrt, dürfte Thomson hassen. Manchen wird die Kapitelabfolge des neuen Buches – Lang, Renoir, Buñuel, Hitchcock, Welles, Hawks, Ray, Godard – schlüssig erscheinen, andere werden sie konventionell, ungerecht und überraschungsarm finden.

          Aber Thomson ist ohnehin am spannendsten, wo er zum Widerspruch reizt. Und wer sich derart exponiert, wer einen immer wieder mit erhellenden Sätzen und luziden Beobachtungen überrascht, hat verdient, dass man ihm, wie Hegel sagen würde, nicht abstrakt etwas entgegenhält, sondern dass Kritik zur „bestimmten Negation“ wird; dass man also, jenseits einzelner Urteile oder Regisseurs-Rankings fragt, ob Thomson erreicht, was er sich vorgenommen hat: die sich wandelnde Rolle, die Bedeutung, die Funktion der Regisseure in der Filmgeschichte zu durchleuchten.

          Wie Regisseure ihre Rollen schufen

          Thomson schildert anschaulich, wie in der Frühzeit des Kinos alle Macht bei Kameramann und Schauspielern lag; wie dann Pioniere wie D. W. Griffith im Stile eines Usurpators die Macht an sich rissen und eine neue Rolle schufen: die des Mannes am Set, der das Kommando hatte; wie dann mit dem Studiosystem die Bosse und Produzenten entschieden und Regisseure Angestellte mit eng definierten Spielräume wurden und „jeder akzeptierte, dass Studios Filme machen“.

          Der britische Filmpublizist David Thomson, der seit vielen Jahren in San Francisco lebt.
          Der britische Filmpublizist David Thomson, der seit vielen Jahren in San Francisco lebt. : Bild: Los Angeles Times/Getty Images

          Wie sich das langsam änderte und vor allem Hitchcock, „noch immer der bekannteste Filmregisseur, den es je gab“, das Bild vom Mastermind kultivierte, der alles bis ins letzte Detail kontrollieren will.

          Thomson verliert zwischendurch schon mal den Faden. In manchen seiner lesenswerten Abschweifungen und Exkursen zu einzelnen Filmen spielt die Arbeit der Regisseure dann kaum eine Rolle.

          Man wünscht sich, er wäre einfach mal einen Schritt zurückgetreten und hätte systematischer nachgedacht über Urheber- und Autorschaften; oder sich mit dem berühmten Satz von André Bazin auseinandergesetzt, das Bewundernswerte am amerikanischen Film sei nicht dieser oder jener Filmemacher, sondern das „Genie des Systems“.

          Das Genie ist das System

          Der „Kult um die Regisseure“, wie Thomson es nennt, spiegelt ja nicht nur eine bestimmte Verlagerung der Machtverhältnisse in der Branche – wenngleich die Schlüsselrolle des Produzenten im amerikanischen Kino nie ernstlich bedroht war.

          Er ist auch eine Form der interpretierenden Zuschreibung, die wir seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich vornehmen. Sie hat eine verführerische Erklärungskraft und ist daher ein bewährtes Deutungsinstrument. „Die leichteste Art, Film zu lehren“, schreibt Thomson selber, „ist durch den Bezug auf Regieentscheidungen.“

          Es ist ja auch einfacher, über die Bilder, Töne, Geschichten eines Films zu sprechen, wenn da ein Urheber ist, ein Adresse für Lob und ein Verantwortlicher fürs Scheitern.

          Auch die Filmkritik, die sich kaum zufällig fast zeitgleich und zum Teil in Personalunion mit der Nouvelle Vague als intellektuelle Form herausbildete, hat davon profitiert, weil sie neben den Stars eine Instanz hat, die Stars erst zu Stars machen kann. Wodurch Regisseure mitunter selbst zu Stars wurden. Auch wenn oft natürlich die Frage sinnvoller wäre, wer das Geld verdient und die Rechte besitzt.

          Wer macht die Stars zu Starts?

          David Thomson hat nun aber ein gutes Gespür für die Anfälligkeit des Kults. Er beschreibt, wie in den zehn Jahren nach „Bonnie and Clyde“ (1967) Regisseure zu „Helden in der Kultur, Geschichtenerzählern und Propheten wurden“, wie sich dann jedoch in der Dämmerung von New Hollywood an Leuten wie Coppola ein „Muster“ abzeichnete von „plötzlichem persönlichen Ausdruck und Erfüllung, gefolgt von Jahren relativen Scheiterns oder verminderter Energie“.

          Und so ist das Buch auch eine Folge von kleinen Abgesängen - bis hin zur Konfrontation von Martin Scorsese und dessen epischer Netflix-Produktion „The Irishman“ mit Serienregisseuren, deren Namen kaum einer kennt und deren Regiearbeit „so intelligent und anspruchsvoll wie beim jungen Scorsese“ sei. „Der Stream ist der Auteur“, schreibt Thomson, und Regisseure werden wieder zu „schattenhaften Gestalten“.

          Eine historische Ironie auch, dass der „weibliche Blick“ – dem ein ganzes Kapitel gewidmet ist mit klugen Anmerkungen zu Leni Riefenstahl oder Kathryn Bigelow – zu einer Zeit mehr Geltung erlangt, in der der Nimbus des Regieführens verblasst; und in der eine so umstrittene wie exponierte Figur wie Quentin Tarantino, dem Thomson in tiefer Ambivalenz verbunden ist, als ein „Anhänger von Filmen, die vor seiner Geburt gemacht wurden“, primär „Filme über Filme macht“.

          Mag sein, dass Thomson mit seiner Diagnose recht hat: „Die Energie und die Verführungskraft des Mediums haben sich von den großen Künstlern und bewegenden Geschichten zur Technologie des Prozesses verschoben, zum Geld und den bleibenden Gesichtern, die immer noch ein Publikum anziehen – den Schauspielern und ihrer Verkörperung des Begehrens.“

          Mal davon abgesehen, dass der Künstler-Diskurs über das Kino immer nur begrenzte Reichweiten hatte, gemessen an der Breitenwirkung des Mediums, kann man sich jedoch fragen, was diese Diagnose bedeutet: für das Kino selbst, aber auch für das Reden und Nachdenken über das Kino, das Autoren wie David Thomson hervorgebracht hat.

          David Thomson: „A Light in the Dark. A History of Movie Directors“. Knopf, 304 Seiten, circa 25 Euro.

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