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Sachbuch über Joseph Lister : Messerkünste vor neugierigen Zuschauern

  • -Aktualisiert am

Da war der Weg zu antiseptischen Vorkehrungen im Operationssaal schon beschritten: Operation im Charing Cross Hospital in London, festgehalten um die vorletzte Jahrhundertwende. Bild: Heritage-Images / The Print Coll / AKG

Blutige Geschichten: Lindsey Fitzharris erzählt von der Chirurgie des neunzehnten Jahrhunderts und Joseph Listers Kampf für sein antiseptisches System.

          „Ich bin Medizinhistorikerin, aber eigentlich sehe ich mich als Geschichtenerzählerin.“ So stellt sich Lindsey Fitzharris in einem Video vor, das der deutsche Verlag ihres Buchs über den „Horror der frühen Medizin“ online gestellt hat. Dem Leser leuchtet das gleich ein. Schon der Titel signalisiert, dass man es nicht mit einer nüchternen Abhandlung, sondern einer schillernden Schauerstory zu tun hat. In ihr entfaltet die Autorin zwei Geschichten: jene über die Hygieneverhältnisse in den Krankenhäusern des neunzehnten Jahrhunderts und jene über den Mann, der antrat, diese Zustände zu beheben – Joseph Lister.

          Die Originalausgabe heißt „The Butchering Art“ und bezieht sich auf die Arbeitsweise damaliger Chirurgen. Viele von ihnen hatten ihr Berufswissen in einer Lehre erworben. Sie galten als Handwerker, die anfangs weniger verdienten als die obersten Krankenhaus-Kammerjäger, deren wichtigste Aufgabe es war, Matratzen von Läusen zu befreien. Diese Geringschätzung ließ von 1815 an nach, als in Großbritannien ein einheitliches medizinisches Ausbildungssystem eingeführt wurde.

          Lindsey Fitzharris: „Der Horror der frühen Medizin“

          Chirurgische Eingriffe inszenierte man lange als Spektakel. Im Operationssaal des Londoner University College Hospital etwa wurde der Patient auf einem Tisch fixiert, schaulustige Gäste versammelten sich um ihn herum auf Tribünen, ein Oberlicht diente als einzige Lichtquelle. Der Boden voller Sägespäne, die Luft zum Schneiden dick. Dann kam der Chirurg und zeigte seine Kunst. Einer der populärsten unter ihnen war Robert Liston. Er konnte ein Bein in weniger als dreißig Sekunden amputieren, weiß die Autorin zu berichten, „und damit er bei der Arbeit beide Hände frei hatte, klemmte er sich das blutige Messer mit Vorliebe zwischen die Zähne“. Einmal ging er so ungestüm zu Werke, dass er seinem Assistenten versehentlich drei Finger abtrennte.

          Scheußliche Gerippe und pestilenzartige Dünste

          Wann immer die Dichte solcher Anekdoten zunimmt, wird deutlich, was Fitzharris meint, wenn sie sich als Geschichtenerzählerin bezeichnet. Sie tendiert zu einer etwas schrillen Überrumpelungsprosa. Was sich etwa so liest: „Eifrige Studenten waren mit Skalpellen über das Abdomen hergefallen und hatten die verwesenden Organe achtlos zurück in die klaffende Bauchhöhle gestopft. Die abgesägte Schädeldecke des Verstorbenen lag auf einem Hocker daneben. Das Hirn hatte sich schon vor Tagen zu grauem Brei zersetzt.“

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          Mit derartigen Schilderungen bringt die Autorin einen Ton in Anschlag, der eine gewisse Tradition hat, sobald es darum geht, Sektionsszenen zu beschreiben. Der Komponist und ehemalige Medizinstudent Hector Berlioz fühlte sich vom Ekel geschüttelt angesichts der „grauenhaften menschlichen Fleischkammer, der zerstreuten Glieder, fratzenhaften Köpfe, der halboffenen Hirnschalen“. Jean-Jacques Rousseau wusste Ähnliches zu berichten: „Welch eine schaurige Angelegenheit ist doch ein Anatomiesaal! Stinkende Leichname, fahles, feuchtbrandiges Fleisch, Blut, eklige Därme, scheußliche Gerippe, pestilenzartige Dünste!“

          Antiseptische Sprühvorrichtung nach dem Prototyp von Joseph Lister, um 1890

          Nachdem es Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gelungen war, Patienten für die Dauer eines Eingriffs mit Äther zu betäuben und damit von unerträglichen Schmerzen zu befreien, galt es anschließend, die häufigen postoperativen Entzündungen in den Griff zu kriegen. Und hier kommt Joseph Lister ins Spiel. Der aus einer wohlhabenden Quäkerfamilie stammende Mediziner wurde 1827 in der englischen Grafschaft Essex geboren und gilt heute als Wegbereiter der antiseptischen Chirurgie. Während Wundärzte in ganz Großbritannien darauf verzichteten, Hände und Operationsbesteck zu reinigen, spürte Lister den Ursachen der vier großen Infektionskrankheiten nach, an denen damals unzählige Menschen in Hospitälern starben: Sepsis (Blutvergiftung), Gangrän (Zerfall von Gewebe), Pyämie (eitrige Organabszesse) und Erysipel (bakterielle Infektion der Haut). Die meisten Mediziner waren überzeugt davon, dass schlechte Luft die Infektionen hervorrufe. Eine andere Meinung vertrat der schottische Arzt Alexander Gordon. Er vermutete schon 1795, das Kindbettfieber werde von kranken auf gesunde Personen übertragen. Dieser Ansteckungstheorie schlossen sich gut fünfzig Jahre später der Amerikaner Oliver Wendell Holmes sowie der Ungar Ignaz Semmelweis an. Und Joseph Lister. Nachdem er bei Louis Pasteur gelesen hatte, dass Fäulnis- und Gärungsprozesse von Keimen ausgelöst werden, begann er darüber nachzudenken, ob Mikroorganismen womöglich auch die Ursache von Entzündungen sein könnten.

          Von Joseph Lister zu „Listerine“

          Als er sich dann noch an einen Artikel erinnerte, in dem zu lesen war, Karbolsäure (Phenol) töte Parasiten, entwickelte Lister sein „antiseptisches System“. Er versprühte Phenol in seinen Operationsräumen und benetzte Hände, Instrumente und Wunden mit der ätzenden Substanz. Obwohl er damit etlichen Menschen das Leben rettete und Medizingeschichte schrieb, brauchte es Jahre, bis die neuen Einsichten in Fachkreisen akzeptiert wurden.

          Listers Geschichte zeichnet Fitzharris in einem anderen Sprachregister nach. Sobald es um sie geht, nüchtert sich ihre Wortwahl deutlich aus. Die auf Effekte zielende Erzählerin verwandelt sich dann in eine gewissenhaft arbeitende Historikerin – die Endnoten zeugen davon. Listers Vermächtnis ist übrigens sogar beim Einkauf im Drogeriemarkt präsent: Eine bereits 1879 entwickelte antibakterielle Mundspülung heißt immer noch „Listerine“.

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