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Überwachung im Internet : Im Dschungel der Auftragsforschung

  • -Aktualisiert am

Satelliten-Schüsseln des britischen Geheimdienstes. Bild: Reuters

Yasha Levine beschreibt das Internet in „Surveillance Valley“ als militärische und geheimdienstliche Waffe. Die Verlierer dieses Spiels sind die ganz normalen Internetnutzer, deren Handlungen überwacht und vorhergesagt werden.

          3 Min.

          Yasha Levine beginnt sein Buch mit Sputnik-Schock und Vietnam-Krieg, die in den Vereinigten Staaten der sechziger Jahre staatliche Forschungsgelder im ungeahnten Umfang mobilisierten. Er widmet sich der Advanced Research Projects Agency (ARPA), die als Forschungsagentur des amerikanischen Verteidigungsministeriums gegründet wurde.

          Als Urszene digitaler Überwachung fungieren bei ihm die strategischen Planungen der ARPA zur Aufstandsbekämpfung. Man wollte aus Fehlern der französischen Kolonialmacht in Vietnam lernen und die Bekämpfung kleinteiliger, verdeckt, mit mehr Hightech und psychologischen Mitteln organisieren. Noch vor Ausbruch des Vietnamkrieges baute die ARPA für das Pentagon Überwachungsstationen in Vietnam auf. Außerdem wurden – weitestgehend ohne Erfolg – Tausende Sensoren und Mikrofone im Dschungel plaziert.

          Für Levine liegen die Wurzeln des ARPANET in der Reaktion des Pentagon auf die Proteste gegen den Vietnam-Krieg. Die Strategien zur Aufstandsbekämpfung in Vietnam, die Hightech, Überwachung, sozialwissenschaftliche und anthropologische Erforschung des Feindes kombinierten, seien nun zur Überwachung der eigenen Gesellschaft eingesetzt worden.

          Wissenschaftliche Forschung für Militär und Geheimdienst

          Unter dem Decknamen „CONUS Intel“ – Continental United States Intelligence – seien sie nun gegen Blumenkinder, Bürgerrechtsbewegung, Gewerkschaften und black power eingesetzt worden. Dabei aufgezeichnete Daten wurden, wie Levine recherchiert hat, 1972 klammheimlich in das ARPANET geladen.

          Yasha Levine: „Surveillance Valley. The Secret Military History of the Internet“. PublicAffairs, 384 Seiten, ca 17 Euro.
          Yasha Levine: „Surveillance Valley. The Secret Military History of the Internet“. PublicAffairs, 384 Seiten, ca 17 Euro. : Bild: PublicAffairs

          Neben den Militärs führt Levine den Computerwissenschaftler und Psychologen J.C.R. Licklider ein, Pionier des Interactive Computing und weitblickender Forschungsmanager. Licklider übersah für die ARPA Programme, die zur Verhaltensvorhersage und -kontrolle dienen sollten. Dies führte etwa zu einer anthropometrischen Vermessung der thailändischen Armee, die zugleich computerbasierte Persönlichkeitsprofile der Untersuchten erzeugte. Daraus resultierte eine Doppelstrategie: Was die wissenschaftlichen Auftragsforscher an Rechentechnik, Sozialprognostik und Software erfolgreich nutzten, würde wiederum für die Command & Control-Ambitionen des Militärs nützlich sein. In diesem Sinne war das ARPANET eine Wette auf die Zukunft, in der wissenschaftliches Teilen von Ressourcen den Weg für militärisch-geheimdienstliche Nutzungen bereiten sollte.

          Noch bevor die erste Computerverbindung des ARPANET zwischen Stanford und der University of California im Oktober 1969 gelang, protestierten Studierende in Harvard gegen „computerisierte Menschenmanipulation“ und den „Missbrauch von Sozialwissenschaften“ für Kriegszwecke.

          Ihr Protest richtete sich gegen das ARPANET, genauer: gegen einen von Licklider und anderen gemachten Vorschlag, computerbasierte Aufstandsbekämpfung auf Basis sozialwissenschaftlicher Datenerhebung möglich zu machen. Levine betont solche Elemente, unterschlägt dagegen die wissenschaftliche und technische Entwicklung, in der das ARPANET zwischen 1969 und 1972 vor allem ein experimentelles Forschungsnetz blieb.

          Googles Kooperation mit staatlichen Agenturen

          Im Dschungel staatlicher Auftragsforschung, privatwirtschaftlicher Innovationsbereitschaft, Think Tanks, Geheimdiensten, Universitäten, Militär, Start-ups und Aktivismus bleibt bei Levine niemand unschuldig. So erzählt er die Frühgeschichte von Google als kalifornische Initiation. Sergey Brins und Larry Pages Forschungsarbeiten der neunziger Jahre profitierten von der staatlich geförderten Digital Library Initiative, die in Stanford zu Auftragsforschung in Sachen Datamining führte. Brin und Page waren sich von Anfang an der Folgen ihrer Suchmaschine und anderer Datamining-Technologien wie etwa Gmail bewusst.

          Ohne maschinelle Überwachung des öffentlichen Internets oder privater E-Mails kein Datamining, und erst recht keine Vorhersagen von Nutzungsverhalten oder gar Terrorismus. Levine bemerkt, wie schnell die Googler nach den Anschlägen des 11. September 2001 zur datenbasierten Hilfe in der Terrorismusbekämpfung bereit waren. Er betont die lange unterschätzte Rolle von Google als Auftragsnehmer staatlicher Agenturen.

          Die letzten Kapitel handeln von Levines seit 2014 auf pando.com publizierten Recherchen zur Finanzierung der Verschlüsselungs- und Anonymisierungssoftware „Tor“. Figuren wie Edward Snowden, Roger Dingledine und Jacob Appelbaum werden darin genauso illusionslos zum Teil eines großen spy games wie zuvor Militäragenturen, Universitäten und Start-Ups.

          Die Verlierer dieses Spiels, bei dem Internetfreiheit zur Waffe wird, stehen dabei für Levine fest. Es sind die ganz normalen Nutzer des Internet, deren Handlungen überwacht und vorhergesagt werden. „Surveillance Valley“ ist jedoch immer dann am besten, wenn es anstelle von Zuspitzungen das alltägliche staatlich-privatwirtschaftliche Geschäft mit digitalen Medientechnologien beschreibt. Tracking und tracing, registrieren und identifizieren: Wer Fördergeldern und technischen Innovationen folgt, rekonstruiert das Normalgeschäft von Bürokratien – militärische Anwendungen und Paranoia inklusive.

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