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: Lesen macht dumm

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Wenn ein angesehener Verlag die Aufsatzsammlung eines Historikers als Hardcover herausbringt und der Umschlag des Buches ganzseitig das Foto des Autors zeigt, dann sollte man schon mal näher hinsehen. Aber lustig ist das nicht.Paul Noltes neues Buch heißt (ein Mix aus Habermas und Beck) "Riskante Moderne"; das vorige hieß (ein Mix aus Illies und Miegel) "Generation Reform".

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          Wenn ein angesehener Verlag die Aufsatzsammlung eines Historikers als Hardcover herausbringt und der Umschlag des Buches ganzseitig das Foto des Autors zeigt, dann sollte man schon mal näher hinsehen. Aber lustig ist das nicht.

          Paul Noltes neues Buch heißt (ein Mix aus Habermas und Beck) "Riskante Moderne"; das vorige hieß (ein Mix aus Illies und Miegel) "Generation Reform". Nolte benutzt gerne den Begriff des Risikos und meint damit - frei nach Rosa Luxemburg - immer das Risiko des anderen. Ein intellektuelles Risiko vermeidet er unter allen Umständen. Da aber interessante Gedanken immer auch riskant sind, muß das Buch auf sie verzichten.

          In den Kapiteln, in denen es um Demographie und wandelnde Familienstrukturen geht, ist Noltes wichtigster Gedanke der vom "engen Zusammenhang zwischen Generationenproblem und Kinderfrage". Kein Witz. Gespannt wartet man auf einen Aufsatz, in dem der enge Zusammenhang zwischen Forstproblem und Baumfrage nachgewiesen wird.

          Später erwähnt Nolte Münteferings "Heuschrecken" und nimmt diese zum Anlaß, "die Deutschen" mal ordentlich über die Marktwirtschaft aufzuklären. Die sorge nämlich für "stets gut gefüllte Regale im Supermarkt". Bloß: Das eine - die Empörung über das Verhalten bestimmter Investoren, die etwa den Armaturenhersteller Grohe kaufen, dem Unternehmen den Kaufpreis als Schulden aufbürden und Leute entlassen - hat nichts mit einer Ablehnung der Marktwirtschaft zu tun. Es ist, als würde man einem, der stolpert und am Boden liegend flucht, erklären, die Schwerkraft sei doch eine gute Sache, man würde ja sonst ins All fliegen und ersticken. Nolte erklärt Leuten, die ein Problem haben, gerne, sie hätten da ein echtes Problem. Oder er erklärt irgend etwas anderes.

          Nolte behauptet, daß "die Deutschen im Allgemeinen" - man fragt sich, von welchem Land oder Planeten er eigentlich zu uns spricht - "schlechte Alltagskapitalisten" seien. Da wären jetzt einige Belege schön, denn das Land ist Exportweltmeister, und auch die Privatvermögen haben einen historischen Höchststand erreicht, man kommt also gar nicht so schlecht zurecht. Noltes Beweis: "Sie (die Deutschen) können nicht verstehen, daß eine Tasse Kaffee im Restaurant zwei oder drei Euro kostet, wo doch das Kaffeepulver schon für fünf Cent zu haben und das Wasser praktisch umsonst ist." Darum gibt es in Deutschland auch kein einziges Restaurant mehr.

          Immer wieder stolpert man über hastig hingeschriebene, völlig unbegründete Aussagen: "Die amerikanische Präsidentenwahl im November 2004 hat vielfach wie ein Signal des Übergangs gewirkt, des Übergangs von einem Zeitalter der Wirtschaft mit ihren Interessen und materiellen Präferenzen zu einem Zeitalter der Werte." Da wurde derselbe Mann gewählt, der schon das Zeitalter (vier Jahre, ein kurzes Zeitalter) zuvor regiert hat, und zwar mit demselben Programm - und ein Bruch mit dem Kapitalismus gehörte bestimmt nicht dazu. Wäre es an dieser Stelle nicht die Pflicht eines Historikers, der - auf weiter Flur als einziger - einen Epochenwandel ausgemacht hat, zu erläutern, was denn die Werte sind, die Bush II im Gegensatz zu Bush I ausmachen? Sind es universell anerkannte Werte wie die Bewahrung der Menschenrechte? Oder meint Nolte hier nur den Glauben, auf den sich Bush gerne beruft, freilich auch nicht öfter als sein katholischer Gegenkandidat John Kerry?

          Doch der Text geht auf all diese Fragen nicht ein, sondern fährt fort: "Schon ist auch in Europa, in Deutschland zumal, die Rede von einem neuen Kulturkampf, einer politischen Lagerbildung entlang fundamentaler Werthaltungen der Bürger, und man spekulierte, ob sich daran die nächste Bundestagswahl entscheiden könnte." Da das Buch weitgehend ohne Anmerkungen auskommt, ist auch hier keine Belegstelle angegeben, der Leser ist mit dem Rätsel allein. Denn die Rede war von solchen Lagerbildungen höchstens insofern, als die endlich, nach Jahrzehnten, aufgehoben wurden in einer großen Koalition, die doch insgesamt ganz gut ankommt. Und warum kommt im ganzen Kapitel über die Wiederkehr der Werte oder auch des Glaubens an keiner Stelle der Hinweis, daß sich die Kirchen leeren und an vielen Orten sogar verkauft werden müssen? Aber der Weltjugendtag war ja so gut besucht. Wird schon passen.

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