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: Lehrjahre des Kapitals

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Endlich ist Schluß mit dem Gerücht, Schluß mit dem Geraune, den Andeutungen und den Rätseleien. In dieser Woche erscheint der neue Roman von Ingo Schulze. Der Roman, aus dem schon vor mehr als vier Jahren erste Abschnitte in Zeitungen veröffentlicht wurden, der Roman, bei dem das Leiden des Autors ...

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          Endlich ist Schluß mit dem Gerücht, Schluß mit dem Geraune, den Andeutungen und den Rätseleien. In dieser Woche erscheint der neue Roman von Ingo Schulze. Der Roman, aus dem schon vor mehr als vier Jahren erste Abschnitte in Zeitungen veröffentlicht wurden, der Roman, bei dem das Leiden des Autors bei der Suche nach der richtigen Erzählperspektive, der passenden Form, die insgesamt drei Jahre dauerte, durch viele Interviews längst zu einem öffentlichen Leiden geworden war. Der Roman, zu dessen erster öffentlicher Lesung im Sommer dieses Jahres sich im Literarischen Colloquium in Berlin der gesamte deutsche Literaturbetrieb versammelt hatte. Der Roman also, der jetzt endlich, mehr als sieben Jahre nach dem märchenhaften Erfolg von Schulzes letztem Buch, dem ostdeutschen Provinzroman "Simple Storys", in die Buchläden kommt. Sieben Jahre, das ist in einer Branche, die inzwischen von einem Autor alle zwei Jahre ein neues Buch erwartet, eine lange, lange Zeit.

          Aber jetzt ist es da, und man kann lesen. Lange, lange lesen. Denn erstens ist das Buch achthundert Seiten dick, und zweitens ist es eines dieser Bücher, die, wenn man sie ein zweites Mal liest, wachsen und wachsen, weil so vieles, was beim ersten Lesen unbemerkt blieb oder überhaupt erst durch die Kenntnis der Gesamtperspektive am Ende erklärlich wird, die Freude am Buch beim zweiten Lesen noch weiter steigert. Es ist ein altmodisches Buch aus der jüngsten deutschen Vergangenheit. Es ist ein Roman in Briefen, die allesamt in der ersten Hälfte des Jahres 1990 geschrieben wurden. Ein Briefroman aus der Wendezeit, aus der Gründerzeit im Osten, aus der Zeit des Zusammenbruchs und großen Neuanfangs. Ein Buch vom Ende der Kunst und vom Beginn der Ökonomie, ein Märchen aus der Zeit, als alles möglich schien, das Leben, wie es bisher war, für Millionen von Menschen endete und für viele völlig neu begann.

          Das Buch heißt "Neue Leben - Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze". Ja, das klingt prätentiös, sperrig, aufdringlich und merkwürdig. Vor allem, da auf dem Umschlag des Buches natürlich auch der Name des Autors steht, der mit dem des Herausgebers der Briefe und des Vorwortschreibers identisch ist. Ingo Schulze gibt also Briefe heraus, die Ingo Schulze geschrieben hat und zu denen Ingo Schulze das Vorwort geschrieben hat. Und auch jenes Vorwort, in dem Schulze über die Briefe ins Schwärmen gerät, die auf den kommenden Seiten zu lesen sind, in dem er schreibt, daß ihn die hohe Qualität der Texte schon "an Türmers Autorschaft" zweifeln ließ, daß sich in den Briefen "das Panorama der Zeit" entfalte und er, alles überblickend, sagen muß: "mit einem Wort, ich las einen Roman", all dieses Selbstlob nimmt einen nicht gerade für das Buch ein. Auch wenn man bereit ist, sich auf das altmodische Spiel mit dem fiktiven Herausgeber einzulassen.

          Die Macht des Wortes

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