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Lee Smolin: Die Zukunft der Physik : Wenn Popperazzi über dünne Fädchen stolpern

Bild: Verlag

Lee Smolin ist nicht der erste Physiker, dem Strings als Weg zu einer Fundamentaltheorie gar nicht einleuchten. Aber bei seiner tief ansetzenden Kritik an heutiger Grundlagenforschung verheddert er sich.

          3 Min.

          Dem amerikanischen Physiker Lonard Susskind verdanken wir die schöne Wortschöpfung „Popperazzi“. Damit titulierte er vor ein paar Jahren alle, die auf die Forderung des Wissenschaftstheoretikers Karl Popper pochen, eine wissenschaftliche Theorie sei nur dann eine, wenn sie auch widerlegbar sei. Susskinds Forschungsgebiet ist die Stringtheorie, welche die Quanten- und die Relativitätstheorie zu einer umfassenden und grundlegenden Theorie der Natur zu vereinigen sucht und obendrein noch die Vielfalt der Elementarteilchen zu erklären hofft.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein grandioses Programm, doch nun kommen Popperazzi und nörgeln daran herum, nachdem sich herausstellte, dass die Stringtheorie nicht nur die eine physikalische Welt erklärt, sondern gleich eine grotesk große Anzahl von Welten. Wenn die Stringtheorie tatsächlich die eine, fundamentale Theorie der Natur ist, die man in ihr sucht, dann muss es alle diese Welten als Paralleluniversen tatsächlich geben, ohne dass wir ihre Existenz je empirisch bestätigen oder widerlegen könnten.

          Viele Welten zu viel

          Lee Smolin, der am kanadischen Perimeter Institute for Theoretical Physics forscht, ist ein bekennender Popperazzo. Aber die Myriaden Stringwelten sind für ihn nur einer von mehreren Gründen dafür, warum er der Stringtheorie nichts abgewinnen kann. In seinem Buch hat er sich nun sein ganzes Unbehagen an diesem Forschungszweig von der Seele geschrieben.

          Die Stringtheoretiker waren entsprechend ungehalten, zumal Smolin ungleich prominenter ist als der New Yorker Mathematikdozent Peter Woit, der mit seinem Buch „Not Even Wrong“ ebenfalls eine scharfe Attacke gegen die Stringtheorie geritten hatte. Allerdings hatte die Stringtheorie bis dato auch eine traumhafte Publicity. Seit über zehn Jahren kennt man sie auch in nichtphysikalischen Kreisen zumindest dem Namen nach und räumt ihr einen ähnlichen Stellenwert ein wie der Relativitätstheorie oder der Quantenphysik: sehr schwierig, aber eine der neuesten, tiefsten Erkenntnisse der modernen Physik.

          Tief zielende Kritik

          Es war zweifellos an der Zeit, dass einmal jemand in einem allgemeinverständlichen Buch dieses Bild korrigiert. Tatsächlich ist die Stringtheorie überhaupt nicht mit den fundierten und experimentell durch viele voneinander unabhängige Befunde bestens abgesicherten Theorien der Relativität und der Quanten zu vergleichen. Nicht nur, weil es bisher kein einziges neues beobachtbares Phänomen gibt, welches die Stringtheorie belegt, sondern auch, weil es sich gar nicht um eine fertig ausformulierte Theorie handelt. Sie ist nur eine unter mehreren konzeptionellen Wegen, die heute verfolgt werden, um Quanten- und Relativitätstheorie unter einen mathematischen Hut zu bringen – allerdings ein besonders verlockender.

          Auch Lee Smolin fühlte sich einst von der Eleganz der Strings angezogen. Der ersten Hälfte des Buches ist diese Faszination noch anzumerken. Doch dann ist Smolins Liebe in Enttäuschung umgeschlagen, deren Grad an Bitterkeit der deutsche Titel reichlich verharmlost. Der des Originals, „The Trouble with Physics“, macht klarer, um was es hier geht: um eine Fundamentalkritik der Art und Weise, wie theoretische physikalische Forschung in Grundlagenfragen betrieben wird. In Smolins Wahrnehmung bekommt da aus soziologischen Gründen nur ein einziger Forschungsansatz, eben- die Stringtheorie, fast alles Geld und die meisten akademischen Positionen, und das, obgleich sie bisher auf ganzer Linie gescheitert sei.

          Popper mit Feyerabend?

          Anders als Woit hat Smolin selbst eine komfortable akademische Position inne. Schon von daher greift der Vorwurf, er sei schlicht neidisch, sicher zu kurz. Tatsächlich ist sein Anliegen vor allem weltanschaulich: er wünscht sich eine Physik, die auf fundamentaler Ebene so aussieht, wie Einstein sie sich erträumte: mathematisch sauber formulierbar, eindeutig und deterministisch. Dass so viele Physiker diesen Traum nicht mehr träumen, liegt für ihn daran, dass sie die aggressive, kompetitive Kultur der Elementarteilchenphysik pflegen anstatt den phantasievollen, an philosophischen Fragen interessierten Forschungsstil, den Einstein und seine jüngeren Princetoner Kollegen, etwa der im vergangenen Jahr verstorbene John Archibald Wheeler, gepflegt hätten.

          Doch abgesehen davon, dass dieser angeblich philosophischere Stil schon dem alten Einstein keinen Erfolg beschert hatte, verheddert sich Smolin hier in konträren forschungslogischen Forderungen: Einerseits will er Popperazzo bleiben und das Kriterium der Falsifizierbarkeit gewahrt wissen, andererseits möchte er es mit Poppers größtem Kritiker, Paul Feyerabend, halten, der keinen Pfifferling auf solche Kriterien gab. Und dem wissenschaftlichen Nachwuchs will er mehr Freiraum eingeräumt wissen, sich eine Physik herbeizuspekulieren, die auch die großen philosophischen Probleme etwa der Quantentheorie oder des Ursprungs des Universums beantwortet.

          Die Stringtheorie als Irrweg?

          Doch wie es aussieht, kann die moderne Physik solche Fragen nach ihren Fundamenten gar nicht selbst beantworten – und in lichten Momenten sieht auch Smolin ein, warum: Fundamentalphysik lässt sich heute nicht mehr betreiben wie vor hundert Jahren, als die neuen grundstürzenden Theorien, die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, sich sogleich im Experiment bewähren konnten. Heute wird das beobachtbare Universum durch die philosophisch unbefriedigenden, aber dafür nachprüfbaren Theorien bestens beschrieben. Neue Beobachtungstatsachen, die auf eine „neue Physik“ verweisen, werden händeringend gesucht, aber wenn und falls es sie einmal gibt, dürften sie mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Immerhin könnten diese neuen Daten zeigen, ob die Stringtheorie ein Irrweg war – aber eben nur sie.

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