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Leben nach der Klimakatastrophe : Zurück mit der Zukunft!

  • -Aktualisiert am

Wer darf hier rein? Treibende Wohlstandsinsel mit begrenzter Aufnahmenkapazität Bild: Museum für Kunst und Gewerbe

Wie sieht ein Leben nach der Klimakatastrophe aus? Werden wir in militärisch und atmosphärisch geschützten Klimakapseln über die Meere treiben? Und wer darf dabei sein? Eine Ausstellung in Hamburg zeigt utopisch-verspielte Entwürfe, die die Zukunft fürchten lehren.

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          Wenn wir Glück haben, werden wir schon bald in klimaneutralen Städten leben, mit weißen Oberflächen und vertikalen Gärten, ohne Autos und Umweltverschmutzungen, die Recyclingquote wird nahezu einhundert Prozent betragen und die Energie aus dem Sonnenlicht gewonnen werden. Es wird ein ökologisches Paradies sein. Wir werden nur zusehen müssen, dass wir diejenigen, die weniger Glück haben, davon abhalten, Löcher in die Wände dieser katastrophensicheren Welt zu schlagen - sei es, weil sie mit hineinwollen, sei es, um sie zu zerstören.Woher kennt man das Szenario eigentlich - aus aktuellen Sachbüchern und Zeitschriften oder aus älteren Science-Fiction-Filmen? Antwort: Aus beidem. Offenbar sind wir an einem Punkt, wo beides auf das Gleiche hinausläuft.

          Wenn der Mensch den Klimawandel nicht aufhält, dann wird er sich anpassen müssen. Das ist eine der Gewissheiten, über die sich nur wenige Leute ernsthaft streiten würden, und zum Glück ist der Mensch ja auch fähig, sich anzupassen. Der Streit wird aber ausbrechen, wenn es darum geht, wer dabei mitmachen darf und wer nicht. „Wenn wir den Klimawandel nicht abwenden, müssen wir uns anpassen“, schreibt auch Friedrich von Borries: „Unsere Wohlstandsinseln werden militärisch und atmosphärisch geschützte Klimakapseln.“ Und was dann folgt, ist ein Ausblick auf eine Welt, die zu gleichen Teilen aus Harald Welzers „Klimakriegen“ und Filmen wie „Total Recall“ zusammengebaut ist.

          Der Roman, den Frank Schätzing noch schreiben muss

          Friedrich von Borries, der in Hamburg Architekturtheorie lehrt, hat dort jetzt am Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung kuratiert, die in erster Linie eines zeigt: dass Künstler, Architekten und Designer, die heute pragmatische Antworten auf die Zumutungen des Klimawandels suchen, vor allem bei den verspielt-utopischen Projekten fündig werden, die ihre Kollegen vor vierzig Jahren unter dem Eindruck von Raumfahrt und Mondlandung zusammengebastelt haben. „Klimakapseln - Überlebensbedingungen in der Katastrophe“ heißt sie, und das Buch gleichen Titels ist nicht so sehr das Buch zur Ausstellung (eher ist es die Ausstellung zum Buch), dieses Buch macht aus diesem Befund gleich ein literarisches Prinzip: die Intertextualität von Science-Fiction, Fachmagazinen und Weltlage „nach Kopenhagen“ erweist sich als tragfähiges Gerüst, um darauf einen eigenen Zukunftsentwurf aus den Zitaten zusammenzucollagieren, der von bedrückender Wahrscheinlichkeit ist.

          Die Zukunftswohnung als Seifenblasentraum

          Aber auch von beträchtlichem literarischem Reiz. Es liest sich jedenfalls wie der Entwurf zu einem Roman, den Frank Schätzing erst noch schreiben muss. Da ist der „Architekt“ der Kapselstadt, ein ökologischer Demiurg, dem die eisigen Worte des realen Bauingenieurs Werner Sobek aus Stuttgart aus dem Munde fließen: „Ich habe schon als Kind Seifenblasen geliebt, und mein Traum war immer, einmal in einer zu wohnen.“Das hatte Sobek einmal in einem Gespräch mit Peter Sloterdijk geäußert, dem anderen großen Experten für Blasen und Weltinnenräume. Das Außen der Kapselstadt muss man sich wie in David Lynchs „Wüstenplanet“ vorstellen, zu überleben nur in Schutzanzügen, in denen selbst die eigenen Exkremente recycelt werden. Nur dass einem in dieser Wüste die Aufwindkraftwerke des deutschen Ingenieurs Jörg Schlaich begegnen und die Sonnenkollektoren aus dem Projekt „Sahara Sonne“, über das die Wissenschaftsteile der Zeitungen letztes Jahr berichteten.

          Wer korrigiert die Zukunft?

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