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Lawrence A. Scaff: Max Weber in America : Ein Soziologe in der Neuen Welt

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Am 20. August 1904 schiffen sich Max und Marianne Weber gemeinsam mit Ernst Troeltsch in Bremerhaven auf der „Bremen“ ein. Nach achttägiger Fahrt kommen sie im Hafen von New York an und können am Tag danach das Schiff verlassen. In Manhattan wohnen sie im Astor House an der Ecke von Broadway und Vesey Street, von wo der Blick auf die ersten dreißigstöckigen Wolkenkratzer geht, die „Geschlechtertürme des Kapitalismus“ (Troeltsch). Mit dem aktuellen Baedeker in der Hand besucht das gelehrte Heidelberger Trio die Börse an der Wall Street, geht mit Tausenden von Pendlern über die Brooklyn Bridge und schaut sich in Brooklyn den Green-Wood Cemetery an.

          Über die dreimonatige Reise Max Webers durch die Vereinigten Staaten und seinen Vortrag beim World Congress for Arts and Sciences in St. Louis hatte Marianne Weber im „Lebensbild“ ihres Mannes nur auf knappen fünfundzwanzig Seiten berichtet. Später veröffentlichte der Deutschkanadier Hans Rollmann Studien über Webers und Troeltschs Aktivitäten beim Weltkongress, der in Verbindung mit der Weltausstellung am 19. September eröffnet wurde. Nun aber legt Lawrence A. Scaff, als Autor einer Monographie über Max Weber bestens bekannt, eine faszinierend dichte, viele unbekannte Quellen erschließende Studie über die Nordamerika-Expedition der beiden Webers und die Geschichte der Weber-Rezeption in der Neuen Welt vor.

          Die faszinierende Neue Welt

          Man kann sich über den damit erreichten Stand seriöser Weber-Biographik nur freuen. Dank jahrelanger Arbeit in zahlreichen Archiven bietet Scaff einen Geistesreisebericht, der durch viele spannende Einzelheiten ebenso überrascht wie durch die scharfsinnige Interpretation zentraler Weber-Texte. Die auf der Reise gewonnenen Eindrücke prägten Webers weitere Arbeit nicht nur in der Religionssoziologie - vor allem mit der begrifflichen Unterscheidung von Kirchen und Sekten -, sondern auch in methodologischen Fragen und in der Wirtschaftstheorie, speziell der Kapitalismusanalyse. Zugleich vermag Scaff die oft ganz eigenen Wege und Erfahrungen Mariannes in den Vereinigten Staaten mit großer Präzision nachzuzeichnen.

          Auch im zweiten Hauptteil über die postume Entdeckung Webers in den Vereinigten Staaten und die genialisch falsche Übersetzung der „Protestantischen Ethik“ durch den jungen Talcott Parsons gelingt Scaff Seltenes: Subtile Aufmerksamkeit fürs philologische Detail wird eingebettet in klare systematische Perspektiven. Im Anhang werden bisher unbekannte Briefe Max Webers an amerikanische Kollegen geboten. Scaff konzentriert sich auf die Aktivitäten des Ehepaars Weber. Prominente deutsche Gelehrte, die ebenfalls in St. Louis Vorträge hielten - unter ihnen Adolf Harnack, Ferdinand Tönnies, Karl Lamprecht, Wilhelm Ostwald und Werner Sombart -, bleiben im Hintergrund. Leider ignoriert Scaff wichtige deutsche Quellen, etwa Reiseberichte anderer deutscher Redner auf dem Kongress und amtliche Berichte. Dennoch kann er deutlich machen, dass Weber die ihn faszinierende Neue Welt ungleich neugieriger, aufmerksamer, erfahrungssüchtiger bereiste als alle anderen deutschen Gäste beim Weltkongress.

          Unterschiedliche Bewertungen des Kapitalismus

          Von New York aus fahren Max und Marianne gemeinsam mit Troeltsch per Zug an die Niagarafälle, wo sie ihren Freund Paul Hensel, den Erlanger Philosophen, treffen. Dann geht es nach North Tonawanda zum Pfarrer Hans Conrad Haupt und seiner Frau Grete. Haupt, ein Schwiegersohn des ebenfalls beim Weltkongress redenden Hallenser Wirtschaftswissenschaftlers Johannes E. Conrad und seit seiner Auswanderung in die Vereinigten Staaten Pfarrer der „Deutschen Vereinigten Evangelischen Friedens-Gemeinde“, übergibt Troeltsch und Weber gesammelte Materialien über das religiöse Leben des Landes, speziell zu den vielen Sekten und kleineren kirchlichen Gemeinschaften. Dem Troeltsch-Schüler Wilhelm Pauck, einem seit 1926 in Chicago lehrenden deutschstämmigen Kirchenhistoriker, berichtet Haupt später, die beiden Heidelberger Gelehrten hätten fortwährend miteinander gestritten, ohne Rücksicht auf seine Materialien.

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