https://www.faz.net/-gr3-s0qr

: Laufen lernen mit Ho Tschi Minh

  • Aktualisiert am

In einer Berliner Bar trifft Guido Westerwelle einen jungen linken Journalisten. Sie streiten heftig. Alkohol ist im Spiel. Es geht um liberale und linke Werte, um die eigene Vergangenheit und die Zukunft des Landes. "Wir sehen uns wieder, Junge!" verabschiedet sich der FDP-Vorsitzende. Aus dem "geistigen Armdrücken" ist eine überparteiliche Kameradschaft geworden.

          2 Min.

          In einer Berliner Bar trifft Guido Westerwelle einen jungen linken Journalisten. Sie streiten heftig. Alkohol ist im Spiel. Es geht um liberale und linke Werte, um die eigene Vergangenheit und die Zukunft des Landes. "Wir sehen uns wieder, Junge!" verabschiedet sich der FDP-Vorsitzende. Aus dem "geistigen Armdrücken" ist eine überparteiliche Kameradschaft geworden. Zu ihren Folgen gehört die Autobiographie des jungen linken Journalisten Richard David Precht.

          Precht will das revolutionäre Gegenstück zur "Generation Golf", Florian Illies' Momentaufnahmen aus der bürgerlichen Lebenswelt, schreiben. Anders als dessen Protagonisten, deren Leben im Konsum von Markenartikeln besteht, läßt sich Precht von der Strahlkraft politischer und gesellschaftlicher Ereignisse mitreißen. Deshalb erzählt er weitgehend chronologisch: Zu den ersten Erinnerungen des 1964 in Solingen Geborenen gehören die schockierenden Bilder des Vietnam-Kriegs. Familie Precht adoptiert vietnamesische Waisenkinder, entsagt den Errungenschaften der Kulturindustrie, bekennt sich zum Marxismus und zur antiautoritären Erziehung.

          Die Vorzüge und Merkwürdigkeiten dieses asketischen Daseins schildert Precht begeistert, und schon als Dreijähriger leistete er seinen Beitrag zur Verbreitung der elterlichen Ideologien: Er skandiert "Ho, Ho, Ho, Tschi Minh", den Schlachtruf des nordvietnamesischen Kommunistenführers, um sich beim Laufen anzuspornen. Bereitwillig zeltet der aufgeschlossene Sohn mit der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und der "Naturfreunde-Jugend"; beim Familienurlaub in Dänemark läßt er sich durch Haschisch rauchende Hippies von den Vorzügen des friedlichen und antiamerikanischen "Scandinavian way of life" überzeugen.

          Es verwundert nicht, daß die autoritäre Wirklichkeit der Schule dem Skandinavien-Fahrer zuwider ist: Die Schülermitverwaltung mißachtet er als bloße "Folklore" und geht in den "Untergrund". Ende der siebziger Jahre sympathisiert er mit den K-Gruppen, beispielsweise dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW), der so prominente Mitglieder hatte wie Krista Sager oder Gesundheitsministerin Ulla Schmidt.

          Doch mehrere einschneidende Ereignisse stellen die linke Überzeugung auf eine harte Probe: allen voran der "Deutsche Herbst", die brutalen Attentate der Roten Armee Fraktion (RAF) im Jahr 1977. Die politische Bewegung radikalisiert sich in einem Maß, daß sie Familie Precht fremd wird. Erst in der Friedensbewegung und durch die Gründung der Grünen im Jahr 1979 findet sie eine neue ideologische Heimat. Diese "von Kindertagen an gewünschte Synthese aus Che Guevara und Grzimek" erscheint dem jungen Precht allerdings als unspezifische Spaßpartei. Er spricht vom "Konformismus des Andersseins". Zwar lohnt das pubertäre Auflehnen bei einem so freizügigen Elternhaus kaum, aber geschminkte Frauen erscheinen dem braven Sohn plötzlich attraktiver als ungeschminkte.

          Generation Ho Tschi Minh fährt Golf und nimmt vom alternativen Projekt der Eltern Abschied: Am eigenen Beispiel, am Beispiel der Geschwister und Freunde schildert Precht, wie das Vorhaben, einen "neuen Menschen" zu erziehen, fehlschlägt. Ergebnis ist ein informatives und detailreiches Buch über kommunistische Traditionen in der deutschen Provinz. Einem ironischen Buch wie "Generation Golf" aber hinkt es stilistisch und analytisch hinterher: "Lenin kam nur bis Lüdenscheid" ist weniger pointiert geschrieben; Distanz zum Gegenstand, Biß oder Witz liegen seinem Autor nicht.

          Peace, Brother. Kein Wunder, daß es mit der Revolution nichts wurde. Der liberale Klassenfeind wirkt mit seiner unideologischen Kumpanei aufrührerischer als die linke Szene. Auch Prechts zeitgeistige Schelte des sogenannten Neoliberalismus ändert daran nichts: "Das Kapital" hat die Welt revolutioniert, bemerkt Precht im Ausgang seiner Autobiographie melancholisch.

          SANDRA POTT

          Richard David Precht: "Lenin kam nur bis Lüdenscheid". Meine kleine deutsche Revolution. Claassen Verlag, Berlin 2005. 288 S., geb., 18,- [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Armin Laschet sitzt im Studio für die „Elefantenrunde“ nach der Bundestagswahl.

          TV-Kritik: Bundestagswahl : Ein desillusionierender Fernsehabend

          Zunächst waren die Demoskopen die einzigen Wahlsieger. Wer noch dazu gehören wird, das hängt von der Kooperationsbereitschaft der FDP und der Grünen ab. Sie bestimmen, wer Bundeskanzler wird. Armin Laschets Schwäche könnte seine Chance sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.