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: Laß uns, Süße, mit Libellenflügeln in ein anderes Licht entfliegen

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Casanova scheute keinen Aufwand, um die Dame des Herzens zu beglücken. Als ihm 1753 die Nonne, die er in seinen Memoiren M. M. nennt, ein nächtliches Tête-a-tête vorschlug, mietete er in Venedig ein vornehmes Haus. Alles und jedes, hebt der Autobiograph hervor, "war wohl bedacht für die Freuden der Liebe und der guten Tafel".

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          Casanova scheute keinen Aufwand, um die Dame des Herzens zu beglücken. Als ihm 1753 die Nonne, die er in seinen Memoiren M. M. nennt, ein nächtliches Tête-a-tête vorschlug, mietete er in Venedig ein vornehmes Haus. Alles und jedes, hebt der Autobiograph hervor, "war wohl bedacht für die Freuden der Liebe und der guten Tafel". Die Kochkunst wie die Ausstattung des Speisezimmers gehörten schon zum Spiel der Verführung: "Es war mit Spiegeln, Kronleuchtern und einem weißen Marmorkamin geschmückt, dessen prächtiger Aufsatz auf kleinen gemalten chinesischen Kacheln reizvolle Liebespaare im paradiesischen Zustand zeigte, die durch ihre lüsternen Stellungen die Phantasie entzündeten."

          Venedig war längst nicht mehr die Großmacht, die den europäischen Handel bestimmte, aber es war immer noch reich genug, um sich zu einem Vergnügungsort ersten Ranges zu erheben. Das heitere Licht der Lagune wurde buchstäblich zum Zeichen der Aufklärung. Man glaubte nicht mehr an strenge himmlische Gewalten, sondern nutzte den Tag. Casanova kümmerte sich kaum noch um das Leben nach dem Tod, vielmehr suchte er nach Freuden auf Erden, die das Herz erfüllen. Nicht die Verführung, sondern der Weg der Verführung, das Gespräch, die gute Tafel, das Geplänkel, die glänzenden Stoffe, das Blenden und Enthüllen bedeuteten schon das Glück. Die venezianischen Künstler des achtzehnten Jahrhunderts waren in der Regel nicht grüblerisch, doch sie besaßen Mut und Leichtsinn genug, um das Dasein in ein gutes Licht zu rücken.

          Vornehmlich die Maler der Lagunenstadt sorgten dafür, daß die venezianische Sonne in ganz Europa begehrt war. Quer durch den Kontinent verlangte man nach den lichtdurchfluteten Bildern eines Canaletto, Guardi und Tiepolo. An Heiterkeit und Witz, an Sinn für das Farbige und Epische stand Tiepolo einem Casanova nicht nach, ja der Maler scheint den Abenteurer erst möglich gemacht zu haben. Das prüde neunzehnte Jahrhundert hatte an Tiepolo nicht viel Interesse. Man hielt ihn für gehaltlos und oberflächlich. Erst das zwanzigste Jahrhundert beehrte ihn mit großen Monographien. Filippo Pedrocco legt jetzt ein Buch vor, das im Katalog alle Bilder des Meisters in Schwarzweiß erfaßt. Im Hauptteil werden Leben und Schaffen des Malers umrissen, durchsetzt mit vielen farbigen Bildern, die durch das große Format dieses hinreißenden Bandes prachtvoll in Erscheinung treten. Die Stärke des Buches liegt denn nicht in einem neuen, originellen Blick auf den Maler, sondern in der breiten, sorgfältigen Dokumentation der Werke.

          Tieopolo wird 1696 in Venedig geboren und beginnt dort mit vierzehn Jahren eine Lehre in der Werkstatt von Gregorio Lazzarini, wo er die technischen Grundlagen der Malerei erlernt. Schon der zeitgenössische Biograph von Lazzarini, Da Canal, erklärt, Tiepolo habe sich rasch von der Malweise des Lehrers "entfernt, und, da voller Geist und Feuer, einer schnellen und forschen Malart zugewandt". Man könnte die behende Technik bereits als inhaltliches Programm deuten: So wie die Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts kaum noch ein geschlossenes Weltgebäude entwerfen, sondern mit essayistischer Verve das Statische, Metaphysische kritisieren, so untergräbt Tiepolo das Pathos der barocken Malerei durch seine spielerische Art. Er bietet eine heitere, offene Welt dar, einerlei, ob sie mit Heiligen, antiken Göttern, historischen Helden oder Zeitgenossen bevölkert ist.

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