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: Lange unterwegs, dieser Marco Polo!

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Meterhohe Sandschichten, Unterwasserstrudel, Riffe und jähe maritime Abgründe, natürlich die unvermeidlichen Raubgräber - die Liste der Schwierigkeiten, mit denen Meeresarchäologen zu kämpfen haben, ist lang, auf diese Gefahren kann man sich einigermaßen einstellen. Doch als Franck Goddio im Hafen ...

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          Meterhohe Sandschichten, Unterwasserstrudel, Riffe und jähe maritime Abgründe, natürlich die unvermeidlichen Raubgräber - die Liste der Schwierigkeiten, mit denen Meeresarchäologen zu kämpfen haben, ist lang, auf diese Gefahren kann man sich einigermaßen einstellen. Doch als Franck Goddio im Hafen von Alexandria nach den Spuren des mit der Insel Antirhodos versunkenen Palastviertels suchte, machte er eine neue Erfahrung: "An einem stürmischen Tag wurde ich beim Tauchen Zeuge eines albtraumhaften Vorfalls. Ein Schiff, das im Becken Zuflucht gesucht hatte, wurde von einer Welle erfaßt und ein Stück von seinem Liegeplatz abgetrieben. Einige Meter von der Stelle entfernt, an der ich gerade arbeitete, sah ich einen großen Anker mit über einer Tonne Gewicht auf das Timonium auftreffen und eine tiefe Spalte in den Boden schlagen."

          Goddio, der seit den achtziger Jahren zahlreiche historische Schiffswracks lokalisiert und deren Ladung gehoben hatte, stand vor einer neuen Herausforderung des Konservierens: "In Übereinkunft mit den ägyptischen Behörden entschieden wir damals, die bedeutendsten Teile an die Oberfläche zu befördern, um sie zu schützen: Statuen, Sphinxe, Bauwerke mit schönen Inschriften."

          Die Unterwasserarchäologie hat in Goddio nicht nur einen ihrer fleißigsten und erfolgreichsten Vertreter gefunden, einen Forscher, der auf den Einsatz modernster Technik ebenso setzt wie auf das Studium entlegener Berichte aus maritimen Archiven zur Lokalisierung der Wracks, sondern auch einen begnadeten Vermarkter seiner Tauchgänge, einen Organisator, der früh erkannte, wie wichtig die Dokumentation seiner Reisen in Wort und vor allem Bild ist. So wurden seine spektakulären Entdeckungen englischer oder spanischer Handelsschiffe oder seine Forschungen vor der ägyptischen Küste von Film- und Fototeams begleitet und anschließend medial erstaunlich effizient ausgewertet.

          Eine Frucht dieser Bemühungen ist der stattliche Bildband, der vor einigen Tagen in deutscher Übersetzung erschienen ist. In fünf Kapiteln beschreibt Goddio, wie er in Ostasien nach den Wracks der Galeone San Diego, zwei im achtzehnten Jahrhundert gesunkenen Schiffen der britischen Ostindien-Handelsgesellschaft und schließlich einer Reihe von Dschunken suchte und im Mittelmeer nach den Überresten von Antirhodos und Herakleion, er erzählt anschaulich von Tauchgängen und Irrwegen, von gesunkenen Schiffen, die auch unter der Wasseroberfläche noch eine kleine Reise zurücklegten und so die Schatzsucher zur Verzweiflung brachten, von Begegnungen mit neugierigen Meeresbewohnern, die an den Bergungsarbeiten teilnahmen - "vier Jahrhunderte auf dem Meeresgrund hatten die Galeone zu einem spektakulären Korallenriff wachsen lassen, aus dem nur die gespenstischen Umrisse mehrerer bronzenen Kanonen, zweier Anker und riesiger Krüge, in denen große Muränen Quartier bezogen hatten, herausragten." Und den Sponsoren zu danken vergißt Goddio auch nicht.

          Das Ganze ist oft lehrreich, manchmal ärgerlich, wenn sich etwa absurde, auf den ersten Blick erkennbare Datierungsfehler finden, von denen man nicht weiß, ob sie auf Kosten des Originals oder der Übersetzung gehen: Da wird auf das fesselndste vom englischen Offizier Alexander Dalrymple berichtet, der seinem Land auf den Philippinen einen neuen Handelsposten einrichten wollte und sich als Kartograph einen Namen machte - allerdings nicht im siebzehnten, wie hier zu lesen ist, sondern im achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert. Vollends unverständlich ist dann die Bemerkung über eine von Goddio gefundene Dschunke - sie stamme "aus dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert, der Zeit, als Marco Polo seine Reise durch China beendete"! Hinzu kommen kleine Texte, die eher naiv wirken, wenn etwa davon die Rede ist, an Bord des Forschungsschiffes könne man "über die Funde nachdenken, die man während des Tauchgangs gemacht hat, und von den tollen Entdeckungen träumen, die wohl noch auf einen zukommen".

          Doch sollte man den Band nicht nur an seinen Texten messen, sondern mindestens so sehr an seinen Bildern. Und diese mit großem Aufwand produzierten Fotos zeigen eine aufregende Unterwasserwelt - da sind Fotoserien über den Fund und die allmähliche Bergung von Statuen, Nahaufnahmen von Kupfergongs, die sich auf dem Meeresgrund eine zähe Schmutzschicht zugezogen haben, liebevoll gereinigte Porzellanschälchen und klotzige Schiffsreste. All dies vermittelt einen überraschend klaren Blick auf die immense Arbeit, die mit der Bergung der Relikte verbunden ist, wenn das aufwendig gesuchte Wrack bereits gefunden ist. Und entschädigt so mit leichter Hand für die Mängel des Textteils.

          TILMAN SPRECKELSEN

          Franck Goddio: "Versunkene Schätze". Archäologische Entdeckungen unter Wasser. Aus dem Französischen übersetzt von Sabine Grimm. Theiss Verlag, Stuttgart 2005. 184 S., 200 Abb., geb., 42,- [Euro].

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