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Fachwerkhäuser auf dem Frankfurter Römerberg Bild: AP

Sachbuch über Heimat : Sehnsucht nach einem Raum aus Zeit

  • -Aktualisiert am

Allmählich wird es zu einem Kampfbegriff: Susanne Scharnowski spürt den Widersprüchen in den Beschwörungen von Heimat nach.

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          Heimat ist gegenwärtig zu einem Kampfbegriff avanciert. Vor den Europawahlen warb die AfD mit Slogans wie „Heimat bewahren“, und wer zu Herbstbeginn durch Wien streifte, stieß auf Wahlplakate für den neuen FPÖ-Chef Norbert Hofer, auf denen seine „Heimattreue“ unterstrichen wurde. Auf der anderen Seite wird Heimat kritisch und ironisch kommentiert, etwa wenn die Dramaturgin und Performance-Künstlerin Barbara Ungepflegt, so ihr Pseudonym, ein mobiles Ministerium für Heimatschmutz in Wien eröffnet und bespielt. Was aber ist Heimat überhaupt, und was soll sie sein? Ein Ausdruck für Nostalgie und Tradition oder gar eine Utopie? Der letzte Satz in Ernst Blochs monumentalem Werk vom „Prinzip Hoffnung“ schließt bekanntlich mit diesem Wort, Inbegriff der visionären Erwartung, dass in der Welt etwas entstehen könnte, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“.

          Susanne Scharnowski, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin mit reicher Auslandserfahrung als DAAD-Lektorin und Gastdozentin, verwirft in ihrem Buch die scheinbar unausweichlichen Assoziationen des Heimatbegriffs mit Pathos, Ideologie oder kosmopolitisch inspirierter Kritik, um stattdessen die Widersprüche der Rede von Heimat aufzudecken. Ein erster Widerspruch wird bereits zu Beginn des Buchs, im Rückblick auf die Romantik, thematisiert. Diese wird zwar häufig mit der Geburt des modernen Heimatbegriffs in Zusammenhang gebracht; zugleich haben aber gerade Dichter wie Wilhelm Müller oder Joseph von Eichendorff – etwa in der Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ – nicht die Heimat verklärt, sondern die unendliche Reise. Auch Alexander von Humboldt habe sich kaum mit der Natur seiner märkischen Heimat befasst, sondern vielmehr mit Flora und Fauna in Latein- und Nordamerika, Russland oder Zentralasien. Selbst Caspar David Friedrichs bekanntes Gemälde vom Wanderer über dem Nebelmeer (1818) zeige keine Heimat, sondern ferne Berggipfel, die mit dem Himmel zu verschmelzen scheinen.

          Susanne Scharnowski: „Heimat“

          Diese Widersprüche verschärften sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts im Zuge von Industrialisierung, Urbanisierung und Landflucht oder von Wellen der Auswanderung. Zwischen 1841 und 1910 haben rund fünf Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen, um vorwiegend nach Amerika zu emigrieren; im Mittelpunkt der ersten Dorfgeschichte Berthold Auerbachs steht daher nicht umsonst der Amerika-Auswanderer Aloys. Just in der Ferne wird ihm die Heimat, die verlassene Welt, zu einer Art von Heimsuchung; so hat sie noch Roger Willemsen in seinen Reiseberichten von den Enden der Welt 2010 beschrieben: „Reisen, so kam es mir in diesem Moment vor, das war wie die Projektion der Heimat auf die fremde Tapete. Dort findet man das Haus, das man verlässt und auslöscht, fühlt die Verankerung, die man vergessen machen wollte. Man stürzt die Regale um, man reißt die Vorhänge herunter, aber es hilft nichts. In der Fremde baut sich das Zuhause immer theatralischer auf: Verlass mich, sagt es, zerstör mich! Finde etwas, das nicht das Alte, Vertraute ist! Und dann liegt man in einem Hotelzimmer in Hongkong und fühlt, dass man sein Zuhause noch gar nicht verlassen hat, sondern alles ins Kinderzimmer verwandelt, und schließlich findet sich auf der Speisekarte des Etagenkellners die Bezeichnung ,Winterliche Salate‘, und man bricht in Tränen aus.“

          Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wird Heimat allmählich als Kampfbegriff eingesetzt, als Waffe gegen Modernisierung, Zivilisation und Fortschritt. Doch Ideologie und Propaganda des Kolonialismus, danach des NS-Regimes, suchen die Heimat in neuen Ländern und Kontinenten; Auswanderung und Krieg verfolgen bald das Projekt einer gewalttätigen Expansion der Heimat, angeblich für ein Volk, dem es an Lebensraum mangelt. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg sind die deutschen Kolonien verschwunden, bis auf einige Siedlungen und Höfe, deren Besuch Bartholomäus Grill unlängst dokumentiert hat (F.A.Z. vom 17. April); nach dem Zweiten Weltkrieg liegt die deutsche Heimat, Städte und Landschaften, in Trümmern.

          Heimweh, ursprünglich die Sehnsucht nach einer räumlich entfernten Herkunftswelt, wird gleichsam verzeitlicht: als Sehnsucht nach einer ungreifbaren, womöglich besseren Vergangenheit. „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, so heißt der Ende September angelaufene Dokumentarfilm von Thomas Heise, eine vier Generationen umfassende Chronik seiner Familie. In den fünfziger Jahren wird Heimat zum kitschig-nostalgischen Begriff, Topos einer neuen Heimatliteratur und von einschlägigen Filmen.

          In den letzten drei Kapiteln ihres Buchs beleuchtet Susanne Scharnowski aktuelle Widersprüche der Berufung auf Heimat. Sie kommentiert die intellektuelle Faszination für das Nomadische, die seit den achtziger Jahren – etwa in den Werken Bruce Chatwins, Vilém Flussers oder Zygmunt Baumans – zum Ausdruck kam, im Kontrast zum „touristischen Zeitalter“, das Marco d’Eramo kürzlich por-trätiert hat (F.A.Z. vom 8. Juni 2018). Sie fragt nach der Entdeckung der Erde als bedrohte Heimat in den Kontexten der Ökologie-Bewegung, und Marc Augés Unterscheidung zwischen spät-modernen „Nicht-Orten“, den Räumen der Supermärkte, Autobahnen, Bahnhöfe, Hotels oder Flughäfen, und den „anthropologischen Orten“, die sich auf historische und soziale Relationen gründen, fungiert als Brücke zum Schlusskapitel, in dem die Autorin für einen „kosmopolitischen Provinzialismus“ plädiert: für eine Wahrnehmung der Heimat als Ort, nicht als Nation oder Territorium.

          Verknüpft ist dieses Plädoyer mit der Forderung, eingespielte Dichotomien aufzugeben, die „nur das Entweder-Oder von Weltoffenheit oder Abschottung“ kennen. Gewiss, zum Ende bleiben viele Fragen offen. Doch vielleicht gelingt es diesem Plädoyer für einen nicht nationalistisch geprägten Heimatbegriff, der auch das Bedürfnis nach Begrenzung und Bewahrung respektiere, neue Debatten anzustoßen, die jenseits von den üblichen politischen Kontroversen geführt werden können.

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