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Sachbuch über Heimat : Sehnsucht nach einem Raum aus Zeit

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Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wird Heimat allmählich als Kampfbegriff eingesetzt, als Waffe gegen Modernisierung, Zivilisation und Fortschritt. Doch Ideologie und Propaganda des Kolonialismus, danach des NS-Regimes, suchen die Heimat in neuen Ländern und Kontinenten; Auswanderung und Krieg verfolgen bald das Projekt einer gewalttätigen Expansion der Heimat, angeblich für ein Volk, dem es an Lebensraum mangelt. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg sind die deutschen Kolonien verschwunden, bis auf einige Siedlungen und Höfe, deren Besuch Bartholomäus Grill unlängst dokumentiert hat (F.A.Z. vom 17. April); nach dem Zweiten Weltkrieg liegt die deutsche Heimat, Städte und Landschaften, in Trümmern.

Heimweh, ursprünglich die Sehnsucht nach einer räumlich entfernten Herkunftswelt, wird gleichsam verzeitlicht: als Sehnsucht nach einer ungreifbaren, womöglich besseren Vergangenheit. „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, so heißt der Ende September angelaufene Dokumentarfilm von Thomas Heise, eine vier Generationen umfassende Chronik seiner Familie. In den fünfziger Jahren wird Heimat zum kitschig-nostalgischen Begriff, Topos einer neuen Heimatliteratur und von einschlägigen Filmen.

In den letzten drei Kapiteln ihres Buchs beleuchtet Susanne Scharnowski aktuelle Widersprüche der Berufung auf Heimat. Sie kommentiert die intellektuelle Faszination für das Nomadische, die seit den achtziger Jahren – etwa in den Werken Bruce Chatwins, Vilém Flussers oder Zygmunt Baumans – zum Ausdruck kam, im Kontrast zum „touristischen Zeitalter“, das Marco d’Eramo kürzlich por-trätiert hat (F.A.Z. vom 8. Juni 2018). Sie fragt nach der Entdeckung der Erde als bedrohte Heimat in den Kontexten der Ökologie-Bewegung, und Marc Augés Unterscheidung zwischen spät-modernen „Nicht-Orten“, den Räumen der Supermärkte, Autobahnen, Bahnhöfe, Hotels oder Flughäfen, und den „anthropologischen Orten“, die sich auf historische und soziale Relationen gründen, fungiert als Brücke zum Schlusskapitel, in dem die Autorin für einen „kosmopolitischen Provinzialismus“ plädiert: für eine Wahrnehmung der Heimat als Ort, nicht als Nation oder Territorium.

Verknüpft ist dieses Plädoyer mit der Forderung, eingespielte Dichotomien aufzugeben, die „nur das Entweder-Oder von Weltoffenheit oder Abschottung“ kennen. Gewiss, zum Ende bleiben viele Fragen offen. Doch vielleicht gelingt es diesem Plädoyer für einen nicht nationalistisch geprägten Heimatbegriff, der auch das Bedürfnis nach Begrenzung und Bewahrung respektiere, neue Debatten anzustoßen, die jenseits von den üblichen politischen Kontroversen geführt werden können.

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