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Mussollini identifizierte sich mit dem Kinohelden Maciste – hier auf dem Plakat zu „Maciste against the Kidnappers“, 1925. Bild: Picture-Alliance

Wie Diktatoren sich sahen : So’n Quatsch! Den Nächsten!

  • -Aktualisiert am

Diktatoren ringen mit ihren Darstellungen in Filmen. Peter Demetz zeigt an fünf Beispielen des zwanzigsten Jahrhunderts, zu welchen Verwerfungen das führen konnte.

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          Bei seinem ersten Rendezvous ging Peter Demetz ins Brünner Kino „Kapitol“, um den Kostümfilm „Königswalzer“ mit Carola Höhn in der Rolle der Kaiserin Sissi zu sehen. Seine Erinnerungen daran sind lebhaft, nur an den Namen des Mädchens aus der Tanzstunde, das mit ihm in den Logensitzen Platz nahm, kann er sich nicht mehr erinnern. Sehr persönlich schreibt Peter Demetz, der 1922 in Prag geborene Germanist und Literaturwissenschaftler, in der Einleitung von „Diktatoren im Kino“ über Filme und Kinobesuche seiner Kindheit und Jugend in Brünn und Prag, bevor er sich der offiziellen Geschichtsschreibung widmet.

          Um Missverständnissen vorzubeugen, verweist Demetz gleich zu Beginn auf Renzo Renzis Standardwerk „Il cinema dei dittatori: Mussolini, Stalin, Hitler“ (1992), dem er eine übergreifendere Perspektive gegenüberstellen will. Deswegen fügt er den drei Diktatoren zum einen ein Kapitel über Lenin hinzu, der schon früh für den staatlichen Eingriff in die Filmwirtschaft plädierte und die Massen mit Hilfe didaktischer Filme ideologisch erziehen wollte. Zum anderen ergänzt er ein Kapitel über Reichspropagandaminister Goebbels, der oft direkt in die Filmproduktion eingriff, Manuskripte änderte oder Nachdrehs anordnete.

          Der Titel des Buches ist auch in anderer Hinsicht irreführend. Um das Kino als Erfahrungsraum geht es bei Demetz nämlich nahezu überhaupt nicht. In erster Linie sind die Beziehungen zur, die Einmischungen der Diktatoren in die Filmwirtschaft von Interesse; ihr ideologischer Anspruch an die Filme, häufig ergänzt um Exkurse zu Persönlichkeiten in ihrem näheren Umfeld: Politiker, Regisseure, Schauspielerinnen, Kritikerinnen. Denn selbst, wenn die Diktatoren einmal Filme schauten, so geschah dies eben nicht in Kinos, sondern in Privatvorführungen im Kreis ihrer Familie oder der Entourage.

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          Mehrere Seiten widmet Demetz, immer wieder in einen anekdotischen Plauderton verfallend, etwa den Projektionen in der Reichskanzlei oder auf dem Berghof, wo Hitler bis zu drei Filme pro Abend vorführen und bei Nichtgefallen mittendrin wieder abbrechen ließ. „So’n Quatsch! Den Nächsten!“ wird er von seinem ersten Kammerdiener Karl Wilhelm Krause zitiert.

          Eine zentrale Gemeinsamkeit hebt die Diktatoren in Demetz’ Augen tatsächlich von ihren Erfüllungsgehilfen ab: Sie neigen dazu, sich in Filmen antizipiert zu sehen oder konkret wiederzuerkennen. Mussolini findet sein Leinwand-Äquivalent im sportlich-virilen Protagonisten der fünfundzwanzig von 1915 bis 1927 entstandenen „Maciste“-Filme mit Bartolomeo Pagano. Hitler hingegen identifiziert sich mit dem Volkshelden des mexikanischen Revolutionsfilms „Viva Villa“, den Goebbels mit der Tagebuchnotiz „Für uns nicht aufführbar. Es wird zu gefährlich“ nicht für die deutschen Kinos zulässt. Stalins Persönlichkeitskult mündet derweil in drei Filmen über ihn: „Der große Funke“, „Der Schwur“ und „Der Fall von Berlin“. Demetz berichtet von einer Legende, nach der Stalin einst fragte: „Sehe ich wirklich so gut aus und so dumm?“, und sein Darsteller Diki antwortete ihm später, er erscheine so, „wie sich das Volk Stalin vorstellt“. Und damit war der Generalsekretär offenbar zufrieden.

          Peter Demetz: „Diktatoren im Kino“

          Abgesehen von dieser Parallele ballt sich der rote Faden in „Diktatoren im Kino“ eher zu Knäueln. Die Kapitel beginnen mit biographischen Abrissen, anschließend folgen fragmentarische Quellensammlungen, Gedanken, Beobachtungen, die sich zumeist auf die früheren Jahre der Diktatoren konzentrieren, auf ihre langsame Hinwendung zum noch vergleichsweise jungen Medium Film. Oft wirft Demetz dabei mehr Fragen auf, als Antworten zu liefern – durchaus ein Vorzug des Buches, das so zahlreiche Anknüpfungspunkte zu eigenen Recherchen eröffnet. Vor allem, wenn es um weniger bekannte Persönlichkeiten wie etwa die Kunstkritikerin Margherita Sarfatti geht, die in der von Mussolini gegründeten Tageszeitung „Il popolo d’Italia“ versuchte eine eigene faschistische Kunstrichtung zu etablieren, bevor sie, eine konvertierte Katholikin jüdischer Abstammung, bei Einführung der Rassengesetze nach Südamerika emigrieren musste.

          Feine Ironie lässt der Autor durchblicken, wenn er über Lenin schreibt, der sich von Spielfilmen nur schwerlich begeistern ließ, angesichts eines Lehrfilms über hydraulisches Torfstechen jedoch völlig aus dem Häuschen geriet und versuchte, den Film im ganzen Land vorführen zu lassen. Faszinierend, aus welch großem Wissensschatz Demetz mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit zu schöpfen vermag. Größere Genauigkeit oder ein sorgfältigeres Lektorat hätte dem Buch angesichts einiger sprachlicher Unschärfen dennoch gutgetan, und an manchen Stellen wünschte man sich etwas mehr Kontext. Über den Kostümfilm „Mädchen in Blau“ von 1939 mit Goebbels’ Geliebter Lída Baarová schreibt Demetz etwa: „Noch im Jahre 2016 hatte der Film im Internet mehr als 80.000 registrierte Interessenten versammelt“, ohne dazu eine genauere Quelle zu nennen.

          Überhaupt gibt er die wenigen Filme, auf die er ausführlicher eingeht, stets ausschließlich inhaltlich wieder. Gerade bei Phänomenen wie den Parallelen zwischen Mussolini und der Heldenfigur des Maciste wären aber auch zumindest in Ansätzen filmanalytische Passagen wertvoll, um die Gedankengänge der Diktatoren nicht nur nachvollziehbarer zu machen, sondern sie zugleich auch kritischer einordnen zu können.

          Dann nämlich erschließt sich die Lage der Filmproduktion unter totalitären Regimes in ihrer ganzen verzwickten Absurdität: Wie etwa im Fall des Regisseurs Reinhold Schünzel, der trotz seiner jüdischen Herkunft lange Zeit mit Sondergenehmigungen in Nazideutschland Filme drehen durfte; schlicht, weil die meisten großen Regietalente das Land bereits verlassen hatten. Sein Musical „Amphitryon – Aus den Wolken kommt das Glück“, berichtet Demetz, erkannten ausländische Kritiker unmittelbar als satirische Auseinandersetzung mit Hitler. Nur Goebbels brauchte noch zwei weitere Filme, um Schünzels subversive Untertöne herauszuhören. Im Juni 1937 musste der Regisseur das Land verlassen.

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