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„Nochmal Deutschboden“ : Für immer Hardrockhausen

  • -Aktualisiert am

Der Journalist und Schriftsteller Moritz von Uslar Bild: Jens Gyarmaty

Zehn Jahre nach „Deutschboden“ ist Moritz von Uslar nochmal in die brandenburgische Provinz gereist. Auch sein neues Buch ist besessen von der Härte und Melancholie, die die Männer dort angeblich auszeichnet.

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          Im zweiten Drittel seiner Reportage „Nochmal Deutschboden“, in der Moritz von Uslar von seiner Rückkehr in die brandenburgische Provinz erzählt, wird eine Bürgersprechstunde mit Katarina Barley, Spitzenkandidatin der SPD beim Europawahlkampf 2019, angesetzt. Der Autor hat die Politikerin eingeladen, damit sie in einer ausgewählten Runde den Bürgern der Kleinstadt Zehdenick Rede und Antwort steht. Es ist allerdings Barley selbst, die die entscheidende Frage stellt: „Wo sind denn die Frauen hier?“ Die Antwort kommt feixend aus dem hinteren Teil des Raumes: „Moritz hat keine eingeladen“. Dann: „Freude im Saal. Applaus.“

          Was hier, durch eine Pointe auf Kosten des Autors, weggelacht und weggeklatscht werden soll, ist der zentrale Aspekt der beiden Bücher, die Uslar über die brandenburgische Kleinstadt geschrieben hat: „Deutschboden“ von 2010, und jetzt, zehn Jahre später „Nochmal Deutschboden“ sind besessen vom Thema Männlichkeit, von der Härte und der Melancholie, die kleinstädtische Männer angeblich auszeichnet. Für alles andere hat der „Reporter“, wie der Autor sich immer wieder in der dritten Person nennt, keine Energie und kein Interesse. Das wahre Leben spielt sich, das war schon die Erkenntnis des ersten „Deutschboden“, unter Typen in der Kneipe ab, an der langen Theke und beim Spielautomat. „Dazu Jeansjacken, rote Köpfe, Männerrücken, Männerhälse, Männerbäuche, Qualm, Bier. Yeah.“ Er sei, stellt der Reporter fest, in die Kleinstadt gekommen, um Männer protzen zu hören. Und man kann sagen, dass er diese ästhetische und journalistische Mission in „Deutschboden“ erfüllt hatte – so sehr, dass männliches Protzen als das eigentliche Gestaltungsprinzip dieses Buches erschien.

          Nun ist der Reporter für „Nochmal Deutschboden“ nach Zehdenick zurückgekehrt. Die Motivation ist eine seltsame Mischung aus Nostalgie und Zweifeln. Zum einen ist da die Sehnsucht des Autors, wieder in seinem „dirty Hardrockhausen“ zu leben, nicht mit den netten Menschen zu sein, sondern mit den „Arschgeigen, den Hässlichen, Kaputten“. Zum anderen habe die politische Situation in diesem Land es dem Autor nahelegt, die Geschichte noch einmal von vorne zu erzählen. Kein „blödes Fortsetzungsbuch“ also, sondern der Versuch, als Reporter „neu klug dumm zu sein“. Inzwischen ist viel geschehen. Vor allem wurde durch die Wahlerfolge der AfD das Ausmaß einer politischen Verdunkelung sichtbar gemacht, die im ersten „Deutschboden“ noch als ausgestandener Spuk der 1990er Jahre verabschiedet werden sollte. Die „Nazizeiten“ der Kleinstadt jedenfalls, das erfuhr der treuherzige Reporter damals von seinen Männerfiguren, sei lange vorbei. Das Thema Rechtsradikalismus selbst wurde vom Reporter im ersten „Deutschboden“ als hemmungslos spießig und uncool abgetan, als etwas, das man zwar ansprechen muss, aber eher abhakt.

          Dabei entstanden Formulierungen, die bereits jetzt, zehn Jahre später, unangenehm schlecht gealtert aussehen. Sätze wie: „Neonazis interessierten mich nicht“ oder „Mich interessierte eigentlich nichts, das war ja das Geile.“ Nazis fand der Reporter damals „vor allem wahnsinnig langweilig.“ Diese aggressiv apolitische Haltung folgte, etwas verspätet, dem Programm der Popliteratur. Florian Illies hatte bereits 2001 in „Generation Golf“ über die „Latzhosen-Moral der siebziger Jahre“ gespottet und im Anschluss an eine identifikatorische Lektüre von Christian Krachts „Faserland“ darauf hingewiesen, dass für seine Generation die Entscheidung zwischen einer grünen und einer blauen Barbour-Jacke von größerer Bedeutung sei als die zwischen CDU und SPD. Auch der Stil, in dem die „Deutschboden“-Bücher geschrieben sind, ist unmittelbar als Spielart des Popliterarischen wiederzuerkennen: die Mischung aus Ironie und ausgestellter Naivität, die umgangssprachliche Einfärbung und die auf Lesbarkeit getrimmte erzählerische Transparenz.

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