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„Mann und Frau“, Ölgemälde von Jindrich Styrsky aus dem Jahr 1934 Bild: Picture-Alliance

„Das beherrschte Geschlecht“ : Wem gehört die Sexualität der Frau?

Einst galten sexuell desinteressierte Frauen als tugendhaft, dann als frigide, jetzt als funktionsgestört: Sandra Konrads Geschichte der weiblichen Sexualität ist äußerst lehrreich, neigt aber zu steilen Behauptungen.

          Dieses Buch dürfte jetzt schon eines der am meisten missverstandenen Werke des Jahres sein. Und es war ein Missverständnis mit Vorsatz: „Warum sie will, was er will“, lautet der Untertitel, und auch der Klappentext insinuiert, dass die weibliche Sexualität von männlichen Vorstellungen diktiert wird. Da stellen sich sofort ein paar methodische Fragen: Wie will man herausfinden, was die unverfälschten weiblichen Vorstellungen sind, wenn doch alle Frauen mit Männern aufgewachsen sind? Und verläuft die Grenze der Vorstellung davon, wie guter Sex auszusehen hat, wirklich trennscharf zwischen Männern und Frauen?

          Die Autorin Sandra Konrad ist Diplom-Psychologin und hat in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben mehr als siebzig Frauen zwischen achtzehn und fünfundvierzig Jahren über ihre Sexualität befragt. Einige ihrer Schilderungen haben Eingang ins Buch gefunden, und auch das wirkt heikel: Konrad zitiert immer das, was gerade zu ihren Thesen passt. Oder basieren die Thesen wirklich auf den Aussagen der Frauen? Es ist schwer nachzuvollziehen, und genau darin liegt das Problem einer qualitativen Befragung: Man darf danach auf keinen Fall von „den Frauen“ sprechen. Nicht einmal von „den meisten Frauen“. Eine quantitative Erhebung hätte es immerhin erlaubt, von „zwei Dritteln der befragten Frauen“ zu sprechen – eine solche Untermauerung hätte einigen der steilen Thesen gutgetan.

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          Doch tatsächlich ist die Kernaussage nicht das Wesentliche an Sandra Konrads Buch; eher wirkt sie wie nachträglich aufgepropft. Die Autorin beschreibt nämlich zunächst kenntnisreich die Geschichte der weiblichen Sexualität in den letzten Jahrhunderten mit all ihren sonderbaren Widersprüchen: Erst galten sexuell desinteressierte Frauen, die nicht zum Orgasmus kamen, als tugendhaft, dann als frigide und dann als funktionsgestört.

          In England wurden bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts Klitorisentfernungen durchgeführt, wenn eine Frau über Symptome klagte wie „Müdigkeit, Unruhe, unterschiedliche Gefühle, Schmerzen, trockene Haut, zitternde Augenlider (...). Würden diese Symptome nicht behandelt, könnten sie zu ernsteren Folgen wie Katalepsie, Epilepsie, Schwachsinn oder Wahnsinn führen.“ In Kontinentaleuropa wiederum rettete der Irrglaube, zur Empfängnis sei der weibliche Orgasmus vonnöten, die Frauen vor solchen Verstümmelungen – nicht aber vor der permanenten Abwertung ihrer Geschlechtsorgane.

          Freud schrieb über die Frau im Stand der Ehe: „Die Vagina wird nun als Herberge des Penis geschätzt.“ Davor war sie minderwertig, aber danach notwendig, um der Pflicht des ehelichen Beischlafes nachzukommen. Auch dazu hat Konrad ein wissenswertes Detail aufgetan: 1967 beschloss der BGH, die Frau müsse Anteilnahme am Geschlechtsverkehr zeigen. „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, daß sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen läßt.“ Die Ehe verbiete es, „Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen“. Dient all das zum Beleg der Kernthese des Buches? Nicht unbedingt, aber das ist nicht wichtig, denn dieser Ritt durch die Geschichte steht für sich.

          Zurück in die Gegenwart: Mehrere befragte Frauen erzählten in den Gesprächen, dass beim Sex nicht ihre eigene Lust, sondern die Bewertung ihrer Performance durch den Partner im Vordergrund stehe. Das gelte allerdings nicht in längeren Beziehungen, relativiert die Autorin später, denn dort würden sexuelle Erwartungen und Kränkungen eher geäußert. Prompt versteigt sie sich zum Umkehrschluss, eine rein sexuelle Affäre würde den Frauen meist weder Intimität noch Befriedigung versprechen – eine unzulässige Folgerung, und selbst als Behauptung doch einigermaßen steil.

          Purity Ball in Minneapolis: Teenager vereinbaren mit ihren Vätern, dass sie bis zur Ehe jungfräulich bleiben.

          Bei Pornographie und Prostitution, denen Sandra Konrad eigene Kapitel widmet, ist es immerhin unbestreitbar, dass die männliche Perspektive maßgeblich ist. Doch auch hier geht die Autorin einen Schritt zu weit, indem sie eigentlich allen Prostituierten das Vermögen abspricht, ihren Job kritisch zu hinterfragen, weil sie „ihre Gefühle und Körperwahrnehmungen abspalten, um psychisch überleben zu können“. Das mag für einige gelten, womöglich sogar für viele, aber es zeugt nicht von Respekt, es allen zuzuschreiben.

          Ein paar kluge Punkte kann Konrad trotzdem setzen. Etwa mit ihrem Verweis auf die amerikanischen Purity-Bälle, bei denen jungfräuliche Töchter ihren Vätern Treue und Gehorsam bis zur Ehe versprechen – kein Massenphänomen, aber doch viel mehr als eine gesellschaftliche Randerscheinung. „Das weibliche Geschlecht gehört dem männlichen – erst dem Vater, dann dem Mann“, schreibt Konrad über diese Familien.

          Und sie liefert eine gute Erklärung, warum manche Männer so empfindlich reagieren, wenn sie auf patriarchale Gesellschaftsstrukturen aufmerksam gemacht werden: „Wer die Macht hat, ohne sie an sich gerissen zu haben, möchte nicht dafür kritisiert werden.“ Das macht die Lektüre tatsächlich sehr angenehm: Konrad kritisiert weder Männer noch Frauen, sie konstatiert nur – wenn auch manchmal zu schnell.

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