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Krieg gegen den Terror : Gerechtigkeit für den Irak

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Jürgen Todenhöfer rechnet mit dem „Krieg gegen den Terror“ ab und lässt uns auf sehr emotionale Weise den Schrecken eines Kriegs im Irak ahnen.

          3 Min.

          Amerika hat viele Freunde in der ganzen Welt. Doch die amerikanische Außenpolitik hat genauso viele Feinde. Man liebt Amerika, aber haßt seine Politik. Typisch für viele ist die Haltung des ehemaligen Richters, CDU-Politikers und heutigen Burda-Medienmanagers Jürgen Todenhöfer, der keiner antiamerikanischen Ressentiments verdächtig ist.

          Der wahre Antiamerikaner

          Wie viele Kritiker der amerikanischen Außenpolitik unterstreicht er, kein Antiamerikaner zu sein. Er verurteilt die Verharmlosung ziviler Opfer - in Afghanistan sollen schätzungsweise 6000 Unschuldige getötet worden sein - als „Kollateralschäden“. Er fürchtet, dass der praktisch erfolglose Kampf gegen den Terrorismus - bin Ladin wurde nicht gefasst, Afghanistan nicht stabilisiert, Pakistan nur talibanisiert - lediglich die antiwestlichen Gefühle verstärkt und dem Terrorismus zuarbeitet. Er stellt fest, dass dieser sogenannte „Krieg“ allen Diktatoren der Welt den Vorwand liefert, ihre politischen Gegner als angebliche „Terroristen“ zu verfolgen. Deshalb ist für den Amerikafreund Todenhöfer vielmehr George Bush der eigentliche Antiamerikaner. Denn ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen den Irak widerspräche den amerikanischen Werten: „Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz und Menschlichkeit.“

          Während des sowjetischen Kriegs gegen Afghanistan besuchte Todenhöfer das Land und warb anschließend bei uns um Solidarität mit den Opfern der sowjetischen Besatzung. Jetzt besuchte er gemeinsam mit seinem Sohn Afghanistan und sah eines von jenen irakischen Krankenhäusern, in denen die Kleinkinder zu hunderttausenden an den Folgen der Wirtschaftssanktionen seit dem Ende des Golfkriegs gestorben sind und weiter sterben - seit 1991 schätzungsweise 5000 Menschen pro Monat.

          Todenhöfer bezweifelt das Argument der Amerikaner, es sei Saddam Hussein selbst, der die Möglichkeiten des Öl-für-Nahrungsmittel-Programms nicht ausschöpfe, um den Haß seines Volkes gegen den Westen zu schüren. Dieses Ziel wird so oder so leider erreicht. Die Grausamkeit des irakischen Diktators und die Grausamkeit der Vereinigten Staaten, die Todenhöfer für die strikte Einhaltung der UN-Sanktionen verantwortlich macht, führen auf perfide Weise zum selben traurigen Resultat. Die Amerikaner sieht Todenhöfer so auf das moralische Niveau des ehemaligen kommunistischen Imperiums hinabsinken.

          Die Namen des Leidens
          Todenhöfer gibt dem Leiden Gesichter und Namen. Er schildert, wie er auf seiner zweiten Afghanistanreise 1984 einen afghanischen Jugendlichen namens Abdul Qaher kennenlernte. Er war durch sowjetische Brandbomben hoffnungslos zugerichtet, konnte jedoch durch Vermittlung Todenhöfers nach Deutschland ausgeflogen und in einer Tübinger Klinik gerettet werden. Der Geschichte Abduls stellt er das Schicksal der sechzehnjährigen Tanaya entgegen, der er im Kinderheim Dar al Rahma in Bagdad begegnete.

          Sie sieht er als Opfer westlicher Teilnahmslosigkeit. Ihre Mutter war gestorben, ihre Schwester hatte der Vater in der Not verkauft. Sie wurde Straßenkind und landete im geschlossenen Heim. „Ich gehe nirgendwohin, weil man die Tür meines Landes verschlossen hat. Verschlossen von außen.“ Todenhöfer meint, diese Tür sei am besten auf politischem Wege zu lösen, nicht durch Marschflugkörper. Nie sei der Diktator des Irak so schwach und verhandlungsbereit gewesen wie heute.

          Neue Freunde

          Den Wandel, den Todenhöfer in seinen Lesern bewirken will, demonstriert er an seinem achtzehnjährigen Sohn Frédéric. Zu Beginn der Reise steht für ihn fest, daß Saddam und seine Leute ohnehin demnächst „plattgemacht“ würden. Dann begegnet er irakischen Jugendlichen, die genauso auf Popmusik, amerikanische Filme oder Fußballüberragungen im Fernsehen versessen sind wie wir oder unsere amerikanischen Freunde. Und Frédéric läßt sich bereitwillig von der „Herzlichkeit der Menschen“ im zunächst angenommen „Reich des Bösen“ überzeugen. Von „Plattmachen“ ist nicht mehr die Rede.

          Vor allem zeigt Todenhöfer, daß der Irak schon längst „platt“ ist: Die Infrastruktur ist ruinös, die Wirtschaft liegt am Boden, die Menschen sind demoralisiert. Für amerikanische Bomben gäbe es nicht viel zu tun. „Plattgemacht“ sind natürlich auch die moralischen Tore, die Todenhöfer mit seinem Aufruf für Gerechtigkeit statt Bomben bei uns einrennt. Es sind individuelle Menschen, die dafür bezahlen müssen, wenn Präsident Bush dem irakischen Volk „Lebensmittel, Medikamente, Versorgungsgüter und Freiheit“ bringt. Doch befreit uns diese Erkenntnis nicht aus unserem Dilemma, dass der Westen seine „Werte“ so oder so verrät: ob er das Regime des Diktators Saddam Hussein gegen jedes Völkerrecht beendet oder es mit humanitärer Hilfe für die Iraker verlängert.

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