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: Kraftvoll in den Apfel beißen

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Endlich kann man dieses überragende, schwer übersetzbare Werk der Philosophiegeschichte auch in deutscher Sprache lesen. Witzig und gelehrt bilanziert Alain de Libera die mittelalterliche Schlüsseldebatte über die Universalien. In die Frage nach dem Allgemeinen (Universale) kann man sich leicht ...

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          Endlich kann man dieses überragende, schwer übersetzbare Werk der Philosophiegeschichte auch in deutscher Sprache lesen. Witzig und gelehrt bilanziert Alain de Libera die mittelalterliche Schlüsseldebatte über die Universalien. In die Frage nach dem Allgemeinen (Universale) kann man sich leicht verwickeln. Denn in vielen Sätzen identifizieren wir einen einzelnen Gegenstand und sagen, was er ist. Wir sagen: "Das ist ein Apfel." Achtet man einmal darauf, daß das Wort "Apfel" auf alle Äpfel zutrifft, dann bekommt man ein Problem, genau genommen sogar mehrere. Denn was berechtigt mich dazu, den einzelnen Apfel, in den ich gerade kraftvoll hineinbeiße, mit einem allgemeinen Ausdruck zu belegen?

          Jedenfalls verschwinden, wenn ich so rede, die charakteristischen Besonderheiten meines Apfels - wo er gewachsen ist und daß ich in ihn hineingebissen habe. Sind Herkunft und augenblicklicher Zustand unwesentlich? Welchen Anspruch hat meine allgemeine Bezeichnung, wenn doch immer nur einzelne Äpfel gegeben sind? Dann läßt sich weiter grübeln: Sind solche allgemeinen Wörter nicht gewalttätige Konstruktionen, die wir über die individuellen Dinge legen, um uns im Chaos unserer Eindrücke zurechtzufinden? Oder gibt es wirklich Arten, Spezies? Und war der Reichsapfel ein Apfel?

          Solche Fragen drängen sich auf, wenn man identifiziert und dabei das Besondere wegläßt. Dennoch gab es Jahrzehnte, vor allem im neunzehnten Jahrhundert, denen es als ausgemacht galt, solche Fragen seien nur "scholastische" Finessen, die man früher einmal unter dem Namen "Universalienstreit" getrieben habe, um die man sich aber nicht mehr zu kümmern brauche, solange die Sprache nur einigermaßen funktioniere. Einige Philosophiehistoriker stellten es so dar, als sei die Philosophie des Mittelalters nichts anderes gewesen als ein unnützer gelehrter Zank um das Problem des Universale: ob das Allgemeine in den Dingen sei oder nur in unseren Vokabeln, in bloßen "Namen". Wer behauptete, es sei nur in den Namen, hieß "Nominalist", wer dagegen die Realität des Allgemeinen verteidigte, hieß "Realist". Die Philosophie des Mittelalters, dachte man, sei im wesentlichen zu beschreiben als der Konflikt zwischen Nominalismus und Realismus.

          Diese Position vertritt heute niemand mehr. Mancher Forscher konnte zeigen, daß die Denker des Mittelalters eine ganze Reihe "ernsthafter" Fragen erörtert haben, zum Beispiel die Meßbarkeit von Naturvorgängen oder den Sinn der Monarchie. Es entstand so ein Widerwille gegen die konventionell gewordene Überbetonung des Universalienproblems und seiner Rolle im Mittelalter. Es war lästig, sich mit der ewig klappernden Frage zu beschäftigen, ob das Universale vor oder in oder nach den Dingen sei. Dabei war die Ansicht von der zentralen Bedeutung des Universalienproblems nicht von ungefähr entstanden: Es gibt spätmittelalterliche Texte, die sie in den Mittelpunkt rücken; in manchen Universitätsstädten des fünfzehnten Jahrhunderts gab es getrennte eigene Studienhäuser für die Nominalisten und die Realisten, wobei die "Realisten" die Mehrheit darstellten, aber in die zerstrittenen Gruppen der Albertisten, Thomisten und Skotisten zerfielen. Doch gilt das für das fünfzehnte Jahrhundert und erlaubt keine Rückdatierung auf die vorhergehende Zeit. Im fünfzehnten Jahrhundert kam es nördlich der Alpen nach den kühnen Gedankenexperimenten des vierzehnten Jahrhunderts zu einer konservativen Rückwendung oder, wie Alain de Libera schreibt, zu einer "ersten Neuscholastik".

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