https://www.faz.net/-gr3-x3gp

„Konvent für Deutschland“ : Immer wieder sonntags

  • -Aktualisiert am

Der Mann, der dem Konvent vorsitzt: Roman Herzog Bild: picture-alliance / dpa

Nur Sabine Christiansen fehlt: Roman Herzog und sein „Konvent für Deutschland“, dem unter anderen Hans-Olaf Henkel, Wolfgang Clement und Wolfgang Reitzle angehören, tagen und schimpfen über Deutschland.

          5 Min.

          Am Montagmorgen wird jeder zum Reformer. Der Bus verspätet und lahm, die Leute alle dumpf, nichts geht voran, niemand ruft zurück, und draußen immer noch so kalt. Die Bahn, die Telekom, das Einwohnermeldeamt, die kommen einem da gerade recht, für die hat man dann Reformtipps, und zwar nicht zu knapp. Oder im Feierabendstau: Tausende Reformer murmeln hinter ihren Lenkrädern die Reformen für das ganze Land vor sich hin, gegen die Krise der nationalen Fahrschulkultur, Krise der Autobauer, Krise der Autolenker, also der anderen, und keiner will es hören. Das ist dem deutschen Reformer eigen: schlechte Laune, die sich dadurch permanent verstärkt, dass auf diese schlecht gelaunten Vorschläge wieder mal keiner hören wird.

          Es ist kein ganz neues Phänomen. Den Ton der deutschen Reformer lernten Menschen meiner Generation in der Nachbarschaft kennen, da ging es um Ballspielreform, insbesondere vor Garagen, Lautstärkereform in der Mittagsruhe oder Radreform, wenn der Eismann die Straße entlanggefahren war und alle, so schnell die Kreppsohlen trugen, zu ihren Müttern rannten, um sich zu Hause 50 Pfennig für drei Bällchen abzuholen, und die Bonanzaräder auf dem Gehweg liegen blieben.

          Schimpfen muss sein

          Die Aufgaben der Reformer haben sich seitdem nur ausgeweitet, es ist ja immer etwas, speziell in einem Land wie Deutschland, in dem sich Ambition und Skrupel paaren und man es ab und zu einfach braucht, dass einer kommt und schimpft über den ganzen Sauhaufen. Es ist eine von alters her ersehnte Wiederkehr: Barbarossa, Rübezahl, Helmut Schmidt oder nun Roman Herzog, sie sollen zurückkommen, einen Blick auf unsere Zustände werfen - und dann sollen sie schimpfen. Das muss irgendwie mal sein.

          Nun haben Roman Herzog und sein „Konvent für Deutschland“, dem unter anderen Hans-Olaf Henkel, Jutta Limbach, Roland Berger, Wolfgang Clement und Wolfgang Reitzle angehören, ein dickes Buch vorgelegt, in dem sich die Konventmitglieder von prominenten Journalisten interviewen lassen, darunter auch Holger Steltzner und Günther Nonnenmacher, Herausgeber dieser Zeitung. Es ist eine Werbung für den Journalismus: Die Konventleute kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen, wollen bald den Föderalismus reformieren, bald eine „Weltregierung“ installiert sehen, während die Frager wie der arme Schäferhund bei Shaun, dem Schaf, versuchen, den Wahnsinn im Zaum zu halten.

          Eine ewige Christiansenrunde

          Es ist in diesem Buch immer Sonntagabend nach dem „Tatort“ in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts, eine ewige Christiansenrunde, als habe es nie die Agenda 2010 gegeben: Sozialleistungen zu hoch, Steuern zu hoch, zu viele Gesetze und natürlich - ui, ui, ui - die Globalisierung. Die scheint eine rein deutsche und ziemlich grimmige Sache zu sein, keines der Konventmitglieder kommt aus dem Ausland, keines erzählt von der Welt und warum es auch gut sein könnte, dass sie zusammenwächst. Stattdessen „kommt“ die Globalisierung, wie man früher damit drohte, dass die Russen „kommen“. Den Empfehlungen des Konvents fehlt jede Anmut: Statt dafür zu werben, dass sich die deutsche Wirtschaft auch mal einen iPod, einen Prius oder Google, Yahoo oder eBay einfallen lässt, werden die ermüdenden Debatten der Prä-Agendajahre einfach wiederholt.

          Das soziale Netz ist da immer zu dicht, die Unternehmer werden gegängelt, in den Schulen lernt man nichts, und schuld sind immer die Achtundsechziger. Ist es altmodisch, wenn man es als Leser und Zuhörer peinlich findet, dass Menschen, die selbst materiell sehr gut abgesichert sind, den weniger oder gar nicht abgesicherten sagen, sie sollen mal nicht so besorgt sein und die Lebensrisiken locker nehmen?

          Keiner erwartet etwas

          Das muss ein Publikum, in dem sich viele Leute fragen, wo das Geld eigentlich bleibt, und das genau weiß, dass die Lasten im Land ungleich verteilt sind, frustrieren. Saint-Exupéry wird auf den Kopf gestellt: Damit die Leute ein Schiff bauen, wird ihnen nicht Lust auf das weite Meer gemacht, es wird vielmehr der Akkord erhöht, der Lohn gekürzt, sonst bauen es die Usbeken, die sind kein so faules Pack - und an Bord darf auch nicht jeder. Dabei ist so ein unparteiischer Konvent in einer bewundernswerten Lage, keiner erwartet etwas, alles kann gedacht werden. Warum die Empfehlungen oder Anmerkungen dann aber wieder so engherzig, so wenig inspirierend und durch und durch uncharmant ausfallen, ist schon seltsam. Warum können Herzog, Clement und Co. nicht etwas zwischen einer „Föderalismusreform Zwei“ und der „Weltregierung“ fordern, also etwa weniger Bundesländer oder ein nationales Innovationsprogramm, wie es die Chinesen bereits in den achtziger Jahren unter Deng aufgelegt haben?

          Weitere Themen

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.