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: Kommt Zeit, kommt Tatsache

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Als der amerikanische Kongreß im Jahr 1993 den Bau des riesigen Teilchenbeschleunigers SSC stoppte, machte bald eine kuriose Verschwörungstheorie die Runde. Demnach seien die Volksvertreter Einflüsterungen postmoderner Philosophen erlegen, denen zufolge es sich bei den Erkenntnissen der Naturwissenschaft lediglich um soziale Konstrukte handelt.

          Als der amerikanische Kongreß im Jahr 1993 den Bau des riesigen Teilchenbeschleunigers SSC stoppte, machte bald eine kuriose Verschwörungstheorie die Runde. Demnach seien die Volksvertreter Einflüsterungen postmoderner Philosophen erlegen, denen zufolge es sich bei den Erkenntnissen der Naturwissenschaft lediglich um soziale Konstrukte handelt. Diese Theorie zum Ende des SSC und der dafür bereits im texanischen Wüstensand verbauten Dollarmilliarden überschätzt den Einfluß der Intellektuellen in Washington bei weitem. Sie ist aber symptomatisch für die Unzufriedenheit vieler Naturwissenschaftler (meist Physiker) damit, wie seit Thomas S. Kuhn über ihre Profession nachgedacht wird.

          Als Kuhn (selbst gelernter Physiker) nämlich den Begriff des Paradigmenwechsels in die Wissenschaftsgeschichte einführte, beförderte er just einen solchen. An die Stelle einer monumentalischen, allenfalls noch Popper nachbuchstabierenden Historie interessierter Emeriti trat eine kulturwissenschaftlich informierte Analyse, für die es nicht von vornherein ausgemacht war, daß es in den Naturwissenschaften ihrer Erfolge wegen grundsätzlich anders zugehen müsse als in anderen sozialen Veranstaltungen. Nun können Kuhn und die moderne Wissenschaftsgeschichte für die steile These von der Naturwissenschaft als sozialer Begriffsdichtung genausowenig wie Hegel für die Berliner Mauer. Doch schon Alan Sokal (auch ein Physiker), der diese und andere burleske Denkfiguren 1996 in seinem berühmten Scherzartikel vorführte, zürnte jedem, der es wagt, in der Frage der Realität unserer Naturtheorien über Popper hinauszudenken. Noch fürchterlicher aber zürnte der Nobelpreisträger Steven Weinberg (natürlich ein Physiker) - ihm wird nachgesagt, die Berufung des angesehenen Wissenschaftshistorikers Norton Wise nach Princeton verhindert zu haben.

          Auch Henning Genz ist Physiker - Professor für Theoretische Physik an der Universität Karlsruhe -, und auch er ist nicht gerade glücklich mit dem Weg, den die Wissenschaftsbetrachtung genommen hat. Am Wort Poppers möchte Genz kein Jota missen, und Steven Weinberg ist für ihn in der Auseinandersetzung mit den finsteren Mächten der Postmoderne der "defensor fidei". Dennoch ist sein aktuelles Buch für wissenschaftstheoretisch Interessierte der Gegenwart lesenswert - auch und vor allem für solche ohne Physikstudium. Das nicht nur deshalb, weil alles Physikalische akribisch und, wie man es von früheren Büchern des Autors kennt, mit pädagogischem Eros erklärt wird, sondern weil der Realismus, für den Genz hier eine Lanze brechen will, typisch für die meisten praktizierenden Physiker sein dürfte. Dadurch gibt das Buch Einblick in die Denk- und Erfahrungswelt einer naturwissenschaftlichen Disziplin, die sich mehr als alle anderen zum Gespräch und zum Streit mit den Kulturwissenschaften herausgefordert sieht.

          Allerdings ist der Band nicht leicht zu lesen. Statt essayistischen Virtuosentums erwartet den Leser Genauigkeit und die Mühe des Begriffs. So hat der Autor den Verlag offenbar überzeugt, auf einen knackigen Titel zu verzichten - wohl wissend, wie leicht dergleichen im Deutschen verunglückt. Statt dessen titelt Genz gleich mit der zentralen These des Buches: Das, was die Realität der naturwissenschaftlich zugänglichen Welt ausmacht, so Genz, sind vor allem die Naturgesetze. Es sind nicht allein die Beobachtungstatsachen, die "Basissätze", wie Genz sie in Anlehnung an Popper nennt - und ganz und gar nicht sind es die Dinge, seien es Steine oder Stühle, Atome oder Planeten. Für Genz ist dieser Befund ein Fluchtpunkt der Physikgeschichte seit Isaac Newton. Der berühmte Brite hatte im siebzehnten Jahrhundert damit begonnen, das mechanistische Naturverständnis, welches die Forscher von Aristoteles bis Descartes zugleich inspirierte und in die Irre führte, durch ein mathematisches zu ersetzen. Die letzten Reste des Mechanismus wurden der Physik dann durch die Quantentheorie ausgetrieben. Die noch zu Beginn des Jahrhunderts betonte Unterscheidung zwischen dem "formalen mathematischen" und dem "realen physikalischen" Denken ist spätestens mit Born und Heisenberg perdu und wurde danach allenfalls noch von den Ideologen der einen oder anderen "wissenschaftlichen Weltanschauung" gepflegt.

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