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: Kollege Jacobsohn oder Ist man Theaterkritiker für die Ewigkeit?

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Es liegen hier in drei Bänden plus einem Band historisch-kritischem Kommentar plus einem Band Register inklusive Zeittafel und eines Nachworts der Herausgeber auf 2662 (in Worten: zweitausendsechshundertzweiundsechzig) Seiten die "Gesammelten Schriften" eines Theaterkritikers vor, der von 1881 bis 1926 lebte und von 1901 bis 1926 Theaterkritiken schrieb.

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          Es liegen hier in drei Bänden plus einem Band historisch-kritischem Kommentar plus einem Band Register inklusive Zeittafel und eines Nachworts der Herausgeber auf 2662 (in Worten: zweitausendsechshundertzweiundsechzig) Seiten die "Gesammelten Schriften" eines Theaterkritikers vor, der von 1881 bis 1926 lebte und von 1901 bis 1926 Theaterkritiken schrieb. Für den Tag. Beziehungsweise für die Woche. Denn Siegfried Jacobsohn (den heute kaum einer noch, und wenn, dann nur dem Namen nach kennt) war, abgesehen von ein paar verstreuten Ausflügen zu Tageszeitungen, Theaterkritiker einer heute vergessenen Berliner Wochenzeitung ("Welt am Montag") und ungefähr die Hälfte seines kurzen Lebens Herr und dann auch Besitzer einer heute noch berühmten eigenen theaterkritischen Wochenschrift: "Die Schaubühne", im April 1918 umbenannt in "Die Weltbühne".

          Aber wozu muß ich, der ich die Theaterkritiken von heute schreibe, historisch kommentiert nachlesen, daß in der "Welt am Montag" vom 15. Februar 1904 der rezensorische Urahn moniert, wie bei einer Schnitzler-Inszenierung "ausgesprochene Wirklichkeitsgestalter wie Rittner und die Lehmann nichts tun als ihre eigene herzhafte Menschlichkeit ins Spiel stellen"? Und soll ich mich nicht darüber wundern, daß "ins Spiel stellen" mit "herzhafter Menschlichkeit" sprachlich ungefähr soviel zu tun hat wie eine Kuh mit dem Donner? Und daß diese Formulierung nicht nur etwas ganz schlecht sagt, sondern gar nichts sagt, vor allem nichts über die Schauspieler, die jenseits von "herzhafter Menschlichkeit" mir überhaupt nicht plastisch werden, nicht einmal historisch plastisch? Oder soll ich in Rechnung stellen, daß der Kollege damals erst dreiundzwanzig und ein "Wunderknabe" (so höhnt der Kerr!) war, und man Wunderknaben nicht jede verrutschte Metapher auf die Goldwaage legt?

          Und was hätte ich dann von dieser einen von zweitausendsechshundertzweiundsechzig Seiten? Außer daß der tapfere Göttinger Wallstein Verlag (in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt) und der akribische und verdiente theater- und literaturwissenschaftliche Spolien- und Akten- und ein bißchen auch Brief- und Markensammler Gunther Nickel im Verein mit Alexander Weigel dies hie und da schön bebilderte Monumentalwerk in fünf Bänden mit unendlichem Fleiß hin- beziehungsweise hergewuchtet haben? Und man ja doch vor beeindruckenden Monumenten irgendwie von vornherein auf dem Bauche liegt?

          Doch wen beeindruckend? Den Bauch. Der Kopf bleibt merkwürdig unbeteiligt. Vom Herzen ganz zu schweigen.

          Daß Siegfried Jacobsohn, der frühreif theaterverrückte Sohn einer Berliner Damenschneiderin und abgebrochene Germanistikstudent, sich mit Anfang Zwanzig in die erste Reihe der Berliner Theaterkritiker auch dadurch hineinschreibt, daß er seinen Freund Julius Bab Rezensionen verfassen läßt, zum Beispiel eine ziemlich pfiffige zu Oscar Wildes "Salome", die Jacobsohn unter eigenem Namen publiziert - man schmunzelt.

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