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: Kollege Jacobsohn oder Ist man Theaterkritiker für die Ewigkeit?

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Daß der flotte Kampfhahn beinahe einmal mit einer von ihm verrissenen Schauspielerin im Theaterfoyer sich geschlagen haben will und daraus eine große Artikel-Inszenierung machte (er habe ihr gerade noch den Ohrfeigenarm herunterdrücken und "Lassen Sie mich in Ruhe!" rufen können) - man lacht herzlich sympathetisch. Daß er die Klassiker, richtig gespielt, für die besseren Gegenwartsstücke als die Gegenwartsstücke hielt - man seufzt. Daß er 1916 bekannte, er sei damals, 1911, beim Uraufführungsverriß als Kritiker vor Hauptmanns "Ratten" durchgefallen - man wußte es. Und das war so ziemlich die Jacobsohn-Stelle, die man von ihm wußte: für die Leser, die sich für Hauptmann interessierten. Hauptmann zog Jacobsohn mit durchs Nachleben. Sonst war Jacobsohn bisher für uns heute Lebende nur ein geachteter Name. Kein Text.

Jetzt liegt Jacobsohn als Text wieder vor. Aber soll man auf ihn achten? Man spürt, was für ein genialer, witternder Hund dieser Kollege von damals gewesen sein muß. Wie er sein "Schaubühnen"- Blatt zu einem Sturmgeschütz der Theaterkritik machte. Wie er Mitarbeiter wie Polgar, Ihering, Bab, Tucholsky heranzog. Wie er die "Antworten an die Leser" erfand. Wie er diese "Antworten" nutzte, um Politisches, Grundsätzliches, den Kritikerberuf Reflektierendes auch dergestalt unterzubringen, daß er schamlos log: "Als Kritiker freut mich das Leben nur, wenn ich loben kann." Wie er den Theaterbegriff zu erweitern, die Bühnenwelt zur "Weltbühne" zu machen suchte. Wie er als Jude den Nationalen und vor allem den deutschnationalen Juden ein Stachel im Sülzfleisch war, auf dem er stolz beharrte. Aber.

Aber man durchliest die Tausende von Jacobsohn-Seiten, diese überlangen, oft ohne jeden Absatz, ohne Pausen und Luftholen auskommenden Abhandlungen, ohne auch nur einmal von irgendeinem Hauch, geschweige denn von einem Luftzug angeweht zu werden. Kann sein, daß Jacobsohn für seine Zeit eine republikanische Berühmtheit, ein kritisches Wunderkind war. Aber nichts von ihm ragt zu uns herüber. Kein Stil, keine Haltung, kein Argument, keine Formulierung, kein Witz. Er bleibt ein Zeitverhafteter. Er schrieb wackere, schöne, ausführliche Rezensionen. Aber nicht nur die wackeren, schönen, ausführlichen, selbst die nur genialen Rezensionen sterben mit dem Tag, für den sie geschrieben wurden. Wenn Kritik nicht auch Poesie, musikalischer Stil und Verdichtung, wenn Kritik nicht auch überwältigendes Temperament und sprechende Kunst ist, hat sie kein Verwahrungsrecht. Man muß auch als Kritiker ein kleines Billettchen für den Ewigkeitszug mitgelöst haben - sonst hat man vom Bahnsteig zu verschwinden, wenn der Zug abgefahren ist.

Während Jacobsohn zum Beispiel sich ehrfürchtig an Gorkis "Nachtasyl" entlanghangelt, fertigt sein Kollege Alfred Kerr dies einfach mit einem einfachen "Die Verwahrlausten" unsterblich ab. Die "Verwahrlausten" entzücken und erfrischen uns. Ewig. Sie werden noch unsere Kritiker-Enkel entzücken und erfrischen. Kerr ist als Kritiker ein Künstler. Deshalb war er der größere Kritiker. Sein Werk kann auch auf sechstausend Seiten durch alle Zeiten kommen. Jacobsohn war als Kritiker ein Journalist. Für Journalisten aber sind zweitausendsechshundertzweiundsechzig Seiten Tagwerk entschieden zuviel.

Siegfried Jacobsohn: Gesammelte Schriften. (Bd. 1: "Das Theater der Reichshauptstadt", 1900-1909; Bd. 2: "Schrei nach dem Zensor", 1909-1915; Bd. 3: "Theater - und Revolution?", 1915-1926; Bd. 4: "Soweit Kritik beweisen kann", Kommentar; Bd. 5: "Sie tobten. Ich schritt weiter", Register.) Hrsg. von Gunther Nickel und Alexander Weigel. Wallstein Verlag, Göttingen 2005. 5 Bde., Abb., 2662 S., geb., 149,- [Euro].

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