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Buch über Populismus : Von den großen zu den kleinen Aufständen

  • -Aktualisiert am

Anhänger der rechtspopulistischen Organisation Pegida demonstrieren im Oktober 2016 in Dresden. Bild: Picture-Alliance

Unvermeidlich und unerlässlich: Kolja Möller nimmt einen historischen Anlauf, um heutige Formen des Populismus einzuschätzen. Aber etwas trübt seinen klaren Blick.

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          Mitte des vierzehnten Jahrhunderts kam es in Rom zu einem Aufstand gegen die Herrschaft der Adelsfamilien Colonna und Orsini, denen Willkür, Unterdrückung und Ausplünderung der römischen Bürgerschaft vorgeworfen wurde. Die Herrschaft der beiden Familien, die sich obendrein gegenseitig bekämpften, was in einen latenten Bürgerkrieg mündete, war entstanden, seitdem der Papst seinen Sitz nach Avignon unter den Schutz des französischen Königs verlegt hatte. Sie stützte sich auf offene Gewalt; sie war weder durch Tradition noch durch päpstliche oder kaiserliche Einsetzung legitimiert. Es handelte sich um eine Mischung aus Tyrannis und Bürgerkrieg, gegen die sich die Römer im Jahre 1347 erhoben und Cola di Rienzo zum Volkstribunen erhoben. Der hatte für seine Stellung diesen römisch-republikanischen Amtstitel gewählt, weil er sich als Schützer der Rechte des Volkes begriff.

          Aber gegen wen sollte er diese Schutzverpflichtungen wahrnehmen? In der republikanischen Ära Roms waren dies der Senat mitsamt den von ihm ausgewählten Amtsträgern, und die Volkstribunen hatten die Aufgabe, die Rechte der Plebs gegen die Vormacht des Patriziats zur Geltung zu bringen. Sie waren Verkörperungen einer in die Ordnung integrierten Gegenmacht. Das war Cola di Rienzo nicht. Er war Alleinherrscher, gewissermaßen selbst ein Tyrann, freilich einer, der sich durch Rückbezug aufs Volk legitimierte.

          Drei entscheidende Fehler

          Kolja Möller behandelt in seinem Buch den antioligarchischen Aufstand der Römer und Colas Aufstieg als ersten Fall von Populismus in Europa, wobei er zwischen den „großen Aufständen“ in vordemokratischer Zeit und den „kleinen Aufständen“ seit der Etablierung demokratischer Ordnungen unterscheidet. Auf den ersten Blick hat die so gezogene Verbindungslinie vom Spätmittelalter bis heute etwas Suggestives. Obendrein verleiht sie dem sonst präsentistisch und zumeist in aufgeregtem Gestus behandelten Populismus eine historische Tiefe, die Vergleiche möglich macht und zu einer distanzierten Betrachtung einlädt. Das ist nicht nur wohltuend, sondern eröffnet auch die Chance, mit validen Szenarien die zukünftige Entwicklung des aktuellen Links- wie Rechtspopulismus in Europa auszuleuchten. Möller beschäftigt sich nämlich nicht nur mit dem Aufstieg Colas, sondern auch mit dem schon bald erfolgten Zusammenbruch seiner Herrschaft, mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen und den identifizierbaren Gründen für das schnelle Ende der populistischen Ära in Rom.

          Kolja Möller: „Volksaufstand & Katzenjammer“.

          Drei Fehler Colas stellt er dabei heraus: den Voluntarismus, bei dem alles auf den Willen von Volk und Anführer gesetzt wird und die äußeren Bedingungen kaum Beachtung finden. Man erwartete eine umgehende Besserung der Lage, und diese Erwartung konnte nur enttäuscht werden. Es kommt der identitäre Fehler hinzu, bei dem ein einheitlicher und geschlossener Volkswille unterstellt wird, den es jedoch nicht gibt beziehungsweise der nur in der Aufstandsphase existiert, während schon bald nach der Machtübernahme die unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen hervortreten. „Das Volk“ zerfällt in verschiedene Parteien, die je eigene Vorstellungen und Erwartungen haben. Und dann kommt noch der autoritäre Fehler dazu, denn der aus dem Aufstand hervorgegangene Anführer, der sich als verkörperter Volkswille versteht, will die ihm zugefallene Macht nicht teilen, weil er glaubt, selbst am besten zu wissen, was „das Volk“ will. Auch gibt es keine Antwort auf die Frage, mit wem er seine Macht teilen sollte, nachdem er sich durch den Bezug auf „das Volk“ legitimierte. Cola war „das Volk“. Daran ist er gescheitert.

          Auf dem Holzweg

          Diesem Scheitern wurde im neunzehnten Jahrhundert – einem Jahrhundert der Revolutionen, wenn man es mit Eric Hobsbawm als ein „langes Jahrhundert“ betrachtet, das von 1789 bis 1917/18 dauerte – ein Moment des Tragischen eingeschrieben, unter anderem im Rienzi-Roman Edward Bulwer-Lyttons, in der Rienzi-Oper Richard Wagners, die später zur Lieblingsoper Hitlers wurde, und auch in einem Rienzi-Stück von Friedrich Engels. Das hat den kühlen Blick auf die politischen Probleme des Volksführers verstellt und sein Scheitern zu einem Fall von Tragik gemacht.

          Eine kühle Analyse hätte Möller übrigens finden können, wenn er sich mit Max Horkheimers Aufsatz „Egoismus und Freiheitsbewegung“ beschäftigt hätte, in dem eine Linie von Cola di Rienzo und Girolamo Savonarola, einem Florentiner Populisten des späten fünfzehnten Jahrhunderts, zu den faschistischen „Machtergreifungen“ der zwanziger und dreißiger Jahre im Europa des vorigen Jahrhunderts gezogen ist, mit einem Blick auch auf den Bonapartismus im Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts. Damit beschäftigt sich auch Möller, am Leitfaden von Marx’ Schrift „Der 18te Brumaire des Louis Bonaparte“, die später auch, was Möller allerdings nicht interessiert, als Paradigma marxistischer Faschismusanalyse diente.

          Möller will im zweiten Teil seines Buches in eine andere Richtung; er begreift die populistischen Rebellionen unserer Tage als „kleine Aufstände“, die er auch in verfassungsrechtlich institutionalisierten Demokratien für unvermeidlich und unerlässlich hält. Demgemäß macht er sich Gedanken darüber, wie der voluntaristische, der identitäre und der autoritäre Fehler vermieden werden können, damit die politischen Anliegen der Populisten ins politische System eingespeist werden können.

          Hier verliert Möller die zuvor gepflegte analytische Distanz und lässt Sympathien für die europäischen Linkspopulisten erkennen. Als politische Präferenz sei ihm das unbenommen, nur trübt sie ihm den klaren Blick, den zu behalten ihm Horkheimer hätte helfen können. So wird aus dem, was analytisch begonnen hat, zuletzt ein mit politischen Diskontierungen versetztes Wunschdenken. Wahrscheinlich ist es ein Holzweg, nach Revitalisierungschancen der Demokratie in der Geschichte der großen und kleinen Aufstände Ausschau zu halten – was nicht heißt, dass dort nichts zu entdecken wäre, woraus wir für die Gegenwart lernen könnten. Aber bei der Suche nach Lernansätzen hat Möller es zu eilig und greift deswegen daneben. Die Identifizierung der populistischen Fehler jedoch und die vorsichtig ausgelegten Linien bis in die Gegenwart hinein machen Möllers Buch überaus lesenswert – vor allem dann, wenn man es selbst mit kühler Distanz liest.

          Kolja Möller: „Volksaufstand & Katzenjammer“. Zur Geschichte des Populismus. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 160 S., br., 18,– €.

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