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: Koketterie eines Ketzers

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"Basel tickt anders" heißt der Werbeköder, mit dem die Stadt seit Jahren in Deutschland auf Touristenfang geht. Was sie damit anpreist, ist eher ein Städteerlebnis der gehobenen Konventionalität, mit Messen und Museen. Als Basel tatsächlich anders tickte, ging es der Stadt schlecht.Es war die Zeit nach 1830, als Basel an der Schwelle zur Moderne erstarrte.

          "Basel tickt anders" heißt der Werbeköder, mit dem die Stadt seit Jahren in Deutschland auf Touristenfang geht. Was sie damit anpreist, ist eher ein Städteerlebnis der gehobenen Konventionalität, mit Messen und Museen. Als Basel tatsächlich anders tickte, ging es der Stadt schlecht.

          Es war die Zeit nach 1830, als Basel an der Schwelle zur Moderne erstarrte. Die alteingesessenen Familien klammerten sich an ihre Vorrechte, während die Gemeinden des Umlands den Liberalismus entdeckten, sich gewaltsam loseisten, einen eigenen Kanton gründeten und mit dem juristischen Segen der Eidgenossenschaft den Großteil des Münsterschatzes verhökerten. Schockiert von so viel Modernisierungsunbill, verschanzte sich das Basler Bürgertum hinter seinen Stadtmauern.

          Das war das Zeichen für konservative Kathederrevolutionäre, die ein Sensorium für die Paradoxien der Moderne entwickelten. Zu ihnen gehörte Jacob Burckhardt, dessen degoutierte Faszination für den Gang der Weltgeschichte lokalhistorisch verankert war. Dass die Basler Befindlichkeiten ungefiltert in seine historischen Werke einflossen, gab er gerne zu, nicht zuletzt, weil er damit einen Seitenhieb gegen die Objektivitätsapostel der positivistischen Geschichtsschreibung anbringen konnte. So auch in seiner "Griechischen Culturgeschichte", einem ausgeuferten Vorlesungsmanuskript, das sein Neffe Jacob Oeri vor gut hundert Jahren aus dem Nachlass veröffentlicht hat. Wegen Oeris editorischer Eingriffe war eine kritische Ausgabe des Werkes ein Desiderat. Mittlerweile liegen drei von vier Bänden im Rahmen der Burckhardt-Gesamtausgabe vor, und um der Aufnahme des Wälzers auf die Sprünge zu helfen, haben die Herausgeber einen Band mit Aufsätzen von Kennern publiziert.

          Der Band ist in drei Teile gegliedert, einen ersten über die kultur- und forschungsgeschichtlichen Entstehungsbedingungen der "Griechischen Culturgeschichte", einen zweiten über ihre zentralen Themen und Leitmotive, einen dritten über Burckhardts Methode und Quellenexegese im Lichte neuerer Forschungen. Leider wirkt diese Gliederung aufgesetzt. Für die erste und dritte Sektion fehlte es an passenden Beiträgen, so dass man beide mit Aufsätzen aufgestockt hat, die in die zweite Sektion gehören. Unter dem Titel "Burckhardt in seiner Zeit" findet man Uwe Walters bestechenden Aufsatz über Freiheit und Individualität in der "Griechischen Culturgeschichte" oder Jürgen von Ungern-Sternbergs Zitatencollage über das Motiv des Heroischen in Burckhardts Darstellung des Demosthenes; dagegen sind die klugen Beiträge von Tonio Hölscher und André Laks über den Rang der bildenden Kunst respektive der Philosophie in Burckhardts Griechenbild mit der Überschrift "Burckhardt und moderne Sichtweisen auf die Antike" versehen.

          Würde es sich hier um ein Problem der Aufmachung handeln, könnte man darüber hinwegsehen; es verweist jedoch auf ein grundlegenderes Manko des Bandes: die mangelnde thematische Abgrenzung der Aufsätze. Viele Autoren kreisen um die gleichen Passagen und behandeln die gleichen Themen, und weil sie zu jenen Burckhardtforschern gehören, die nicht zu polarisierenden Auffassungen neigen, kommen sie oft zu ähnlichen Schlüssen. So überzeugend diese auch sind, mit der Zeit überwiegen die Déjà-lu-Erlebnisse. Dies ist umso bedauerlicher, als es an kontroversen Einschätzungen von Burckhardt und seiner "Griechischen Culturgeschichte" beileibe nicht fehlt. Allein, für Ikonoklasten wie Egon Flaig und Aram Mattioli, die Burckhardt zum Antisemiten und wissenschaftlichen Leichtfuß stempeln und mit Hochgenuss die Verschleierungsversuche der Burckhardt-Hagiographie bloßlegen, stellen die Herausgeber keine Bühne bereit, und man fragt sich, ob das nur an ihrer brachialen Beweisführung liegt.

          Was den Band lesenswert macht, sind interessante Einzelbeobachtungen. Christoph Ulf dringt am Beispiel der griechischen Tyrannis bis zu Burckhardts geschichtsphilosophischer Tiefenstruktur vor; ob in der griechischen Antike, in der italienischen Renaissance, im revolutionären Frankreich oder in der liberalen Schweiz, stets führt bei Burckhardt der Machtdrang von Emporkömmlingen im Politischen zu Destruktivität, im Künstlerisch-Philosophischen dagegen zu Vitalität; Kulturblüten erscheinen als Produkte prekärer Zwischenzeiten - eine Spur von Hegelianismus in Burckhardts Denken. Aus einer originellen Neukombination älterer Denkmuster ist auch Burckhardts Selbstbild zusammengesetzt, wie Manfred Landfester darlegt: Als "Erzdilettant" und "Ketzer" stellt er sich dar, freiwillig isoliert von den "viri eruditissimi" und "Hohepriestern" des "großpreußischen Zauberkreises". Worauf diese kokette Bescheidenheit hinausläuft, zeigen seine Ausfälle gegen die "Philister" der Philologie und die "Idealisten" der Historie: Burckhardt inszeniert sich wechselweise als altständisch-aristokratischer Amateur und profaner Endzeitprophet - bis heute mit Erfolg.

          Hans-Joachim Gehrke deutet mit einer Anekdote an, warum es sich lohnt, die "Griechische Culturgeschichte" zu studieren, trotz oder gerade wegen ihrer abenteuerlichen Argumentation. Als Burckhardt die Legende von Arion streift, dem von Piraten gefangenen Lyriker, der, bevor er sterben soll, noch ein Liedchen singen darf, gibt ihm das Anlass für eine Bemerkung der grundsätzlichen Art: die Griechen seien "a) Mörder von Mitgriechen b) kunstsinnig". Eine Prise Burckhardt ist noch immer das beste Gegengift gegen alle neuhumanistischen Projektionen eines harmonisch vollendeten Griechentums.

          CASPAR HIRSCHI

          "Jacob Burckhardt und die Griechen". Vorträge einer Internationalen Fachkonferenz. Herausgegeben von Leonhard Burckhardt und Hans-Joachim Gehrke. Schwabe Verlag, Basel, und C. H. Beck Verlag, München 2006. 396 S., geb., 45,- [Euro].

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