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Breivik und die IS-Attentäter : Wie werden Männer zu Mördern?

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„Männerphantasien“ sind es, denen hier entsprochen wird Bild: dpa

Was haben der Norweger Anders Breivik und die Attentäter des Islamischen Staats gemeinsam? Klaus Theweleit erklärt in seinem Buch „Das Lachen der Täter“ die Gewalt junger Männer mit einer Lust am Töten.

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          Der Schock sitzt tief nach den Anschlägen von Paris. Wieder einmal. Und wieder ringt man um Erklärungen. Warum sind junge Menschen zu solchen Taten fähig? Klaus Theweleits Abhandlung über die Täterpsyche, die sich schwerpunktmäßig mit einer Analyse des Denkens und Fühlens des norwegischen Mörders und selbsternannten „Tempelritters“ Anders Breivik befasst, scheint das Buch der Stunde zu sein. Es bietet durchaus eine Antwort, doch aufsehenerregend ist sie nicht.

          Die Theorie ist exakt dieselbe wie in den gloriosen „Männerphantasien“, Theweleits Buch aus den späten Siebzigern, das aus Literatur und Selbstzeugnissen ein Psychogramm des „nicht zu Ende geborenen“ „soldatischen Mannes“ im Faschismus extrahierte. Was für die Freikorps-Generation galt, so der Autor heute (der damit auch Markenschutz betreibt), gelte schlicht für alle von der eigenen Sexualität überforderten jungen Männer, die aus dem Raster fielen: Sie fühlten sich „des eigenen Lebendigseins nicht sicher“, im körperlichen Sinne „fragmentiert“ und stellten - im Extremfall - durch Töten die eigene körperliche Ganzheit wieder her.

          Die sexuell konnotierte „Mordlust“ ist einer der Kernbegriffe des Buches. Theweleit erkennt im oft kolportierten, für die Opfer und deren Angehörige unerträglichen „Lachen der Täter“ während des Mordens (Breivik soll regelrecht gejubelt haben) ein Kennzeichen dieser Lust. Es sei die orgiastische „Begleiteruption zur eigenen Selbstgeburt“. Zum Täter könne dabei jeder werden. Es brauche nur Vereinsamung, körperliche Verunsicherung und den Anschluss an einen „Ganzheits-Überkörper“.

          Selbstheilung qua Massaker

          Wie stets bei Theweleit kommt die Theorie nicht nur im Pop-Sound daher, sondern verschmilzt mit zahllosen Beispielen - die diesmal vom ewigen Abschlachten künden. Die Roten Khmer sind dabei strukturell ununterscheidbar von islamistischen Terroristen, Nationalsozialisten, Hutu-Milizen, amerikanischen Soldaten oder indonesischen Kommunistenjägern. Pausenlos wird hier gemordet, gefoltert und verhöhnt, werden Frauen vergewaltigt, Kinder geschlachtet, Mütter gepfählt, und das stets in Form einer Feier, als „Mordsspaß“. Es ist der pure Stoff, in seiner Drastik kaum erträglich. Als Materialgrundlage dienen neben Romanen und Filmen vor allem Zeitungsartikel. Ausgiebig kommt auch Breiviks „Manifest“ zu Wort.

          Über diesen Weg, der selbst einen szientistischen Exkurs in Anlehnung an den Neurowissenschaftler António Damásio nicht scheut, gelangt Theweleit aber doch nur wieder zur Behauptung der Selbstheilung qua Massaker: „Wenn alles ringsum voller Blut ist - aber nicht von unserem eigenen! -, sind wir heil.“ Mit Spott werden Akademiker überzogen, die vermeintlich anderer Meinung sind. Micha Brumlik trifft es, weil er von der „Befriedigung sadistischer Gelüste“ spricht, statt die Normalität der Täter zu betonen.

          Dem Sozialpsychologen Harald Welzer und dem Militärhistoriker Sönke Neitzel unterstellt Theweleit wiederum, die „moralische Reinerhaltung unserer ,kämpfenden Truppe‘“ im Sinn zu haben, wenn sie in den von ihnen herausgegebenen Protokollen abgehörter deutscher Soldatengespräche aus dem Jahre 1943 den „Referenzrahmen“, also das Normengefüge im Krieg, als Erklärung für Exzesse heranziehen oder auf das häufige Ausschmücken von Erzählungen hinweisen statt auf die „persönliche Freude am Töten“.

          Warum Täter nicht immer lachen

          Es liegt nahe, auf die Ähnlichkeit all der Erzählungen über das von Hohnlachen und Vergewaltigungen begleitete Töten abzuheben. Aber ließe sich nicht wenigstens fragen, ob in den Darstellungen zusätzlich - Stichwort Ausschmückung - eine gewaltpornographische Dimension mitschwingt, ob es also gewisse „Spiel mir das Lied von Tod“-Muster gibt, die in der Realität vielleicht gar nachgestellt werden?

          Dafür spräche, dass der eindrücklichste Beleg dieser Verbindung von Lust und Töten sich als aus der Ferne erdachter Roman erweist. Auch auf ein weiteres Problem stößt uns der Autor selbst. Stolz teilt er mit, es sei vielen Journalisten aufgefallen, dass Breiviks nicht nur antiislamisches, sondern vor allem antiweibliches „Manifest“ weitgehend „aus Theweleit herleitbar“ sei. Und schließlich kann Theweleit nicht erklären, warum Täter durchaus nicht immer beim Töten lachen. In Paris waren die Mörder laut Augenzeugen ruhig, ernst und entschlossen.

          Was man über den IS-Terror lernen kann, geht vor allem aus den zitierten Artikeln hervor. In den wenigen Passagen, die Handlungsvorschläge enthalten, klingt Theweleit dann gar nicht mehr so unvertraut: „Helfen würden nur Beziehungen, Liebschaften, gute, tragfähige Gruppen oder Vereine und natürlich ein guter Arbeitsplatz“, all das also, was „Boden unter den Füßen“ gibt und eigentlich der Inhalt von Integration sein sollte. Jeden Terrormord und jedes militärische Massaker mit dem Modell Breivik zu erklären greift aber wohl zu kurz.

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