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Mythos entscheidende Bombe : Was stand im Pazifik auf dem Spiel?

Ihren Schrecken kannten sie noch nicht: „Fat Man“, die über Nagasaki abgeworfene Plutoniumbombe, auf dem Testgelände in Alamagordo in New Mexico. Bild: Picture-Alliance

Vor siebzig Jahren fiel die zweite Atombombe: auf die Stadt Nagasaki. Ein Waffentest, den es für die schnelle Kapitulation Japans gar nicht gebraucht hätte, meint der Fernsehjournalist Klaus Scherer – und macht es sich damit zu leicht.

          In wenigen Tagen jährt sich zum 70. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs an der pazifischen Front. Mit Spannung wird erwartet, wie Japans Regierungschef Shinzo Abe sich äußert. Abe, ein Nationalist, der sein Land gerne von den Verbrechen und Greueltaten weißwaschen möchte, die Japans Kaiserliche Armee in den besetzten Gebieten verübte, wird vorher auch an zwei Ereignisse erinnern, die dem Kriegsende vorausgingen: Am 6. August 1945 warf die amerikanische Luftwaffe die erste Atombombe auf die japanische Hafenstadt Hiroshima. Am 9. August folgte die zweite Atombombe auf das nahegelegene Nagasaki.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Zerstörung der beiden japanischen Großstädte war der erste und blieb der einzige Einsatz der Atombombe. Verteidigt wird er bis heute damit, dass die beiden Bomben erheblich dazu beitrugen, den Zweiten Weltkrieg im Pazifik schneller zu beenden. Die Nachricht der Zerstörung Nagasakis, das als Ersatz für die alte Kaiserstadt Kyoto nachträglich auf die amerikanische Liste möglicher Angriffsziele gekommen war, löste bei der Regierung in Tokio Entsetzen aus. Groß war die Angst, die Hauptstadt Tokio könnte das nächste Ziel werden. Schon am nächsten Tag entschied der Kaiser Hirohito - gegen den Widerstand vieler seiner Generäle - , dass Japan kapitulieren wird. Am 15. August erklärte Hirohito in einer über den Rundfunk verbreiteten Rede das Ende des Krieges und akzeptierte die bedingungslose Kapitulation seiner Streitkräfte, die weite Teile Asiens erobert und brutal unterworfen hatten: „Der Feind hat jüngst eine unmenschliche Waffe eingesetzt und unserem Volk schlimme Wunden zugefügt“, sagte er. Und: „Den Krieg unter diesen Umständen fortzusetzen, würde nicht nur zur völligen Vernichtung unserer Nation führen, sondern zur Zerstörung der menschlichen Zivilisation ...“

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          Der Fernsehjournalist Klaus Scherer, der in Tokio und in Washington als Korrespondent gearbeitet hat, legt zum Jahrestag der Atombombenabwürfe ein Buch vor: „Nagasaki - Der Mythos der entscheidenden Bombe“. Der Untertitel zeigt, worum es Scherer geht. Er widerspricht der Ansicht, der Einsatz der Atombomben - vor allem der zweite Abwurf auf Nagasaki - habe den Krieg in Fernost verkürzt und sei deshalb vertretbar gewesen.

          Als Korrespondent in Tokio hat Scherer viele Überlebende der Bombenabwürfe getroffen. Die Gespräche mit ihnen gehören zu den starken Seiten des Buches. Die schwache Seite ist Scherers vermeintliche Richtigstellung des „Mythos“ der Bombe. Seine Behauptung, die Wirkung der Bombenabwürfe sei bis heute nicht kritisch diskutiert worden, dient dabei nicht der Wahrheitsfindung: Hiroshima und Nagasaki werden von Historikern seit Jahren strittig bewertet.

          Scherer fällt immer wieder in einen steilen Thesenjournalismus zurück, wenn er manches einfach nur unterstellt, ohne es zu belegen, und Widersprüche schlicht beiseitewischt. So schreibt er, dass Tokio lange vor dem Abwurf der Atombomben diplomatische Fühler ausgestreckt habe, um den Krieg zu beenden. Wer das Buch aufmerksam liest, dem kann aber nicht entgehen, dass es sich bei diesen „Tauben“ um eine Minderheit im kaiserlichen Kriegskabinett handelte. Dass der von ihm selbst geschilderte Widerstand der Militärs, Friedensgesprächen zuzustimmen, seiner eigenen These zuwiderläuft, ignoriert Scherer schlicht. Die Bereitschaft der japanischen Regierung, die Niederlage zu akzeptieren, stellte sich erst ein, nachdem zwei Ereignisse dem Krieg eine dramatische Wende gegeben hatten: der Abwurf der Atombomben und die Kriegserklärung der Sowjetunion an Japan.

          Fragwürdig ist vor allem, dass sich Scherer für seine Thesen fast ausschließlich auf den revisionistischen japanischen Historiker Tsuyoshi Hasegawa beruft. Der behauptet seit Jahren, Japan sei schon im Frühsommer zum Frieden bereit gewesen, Washington habe das aber ignoriert, weil Präsident Truman Japan am Boden liegen sehen wollte und man die Atombombe unbedingt habe testen wollen. Originell ist das nicht. Im Gegenteil: Hasegawa bedient den Geschichtsrevisionismus der japanischen Nationalisten bis hin zum Regierungschef Abe, denen die Atombombe bis heute dazu dient, von der eigenen Kriegsschuld, von den eigenen Greueltaten in den besetzten Ländern und vom eigenen Unwillen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, abzulenken. Es ist dünn, einen solchen Autor als Kronzeugen zu bemühen, zumal Kritiker Hasegawas bei Scherer nicht zu Wort kommen.

          Klaus Scherer: „Nagasaki“. Der Mythos der entscheidenden Bombe. Hanser Verlag, München 2015. 271 S., geb., 19,90 €.

          Auch lässt sich das Verhalten der Akteure damals nicht so leicht an den moralischen Maßstäben von heute messen. Truman war im Sommer 1945 mit extrem hohen amerikanischen Verlusten in Okinawa konfrontiert. Japans Armee verteidigte das eigene Territorium mit einem Fanatismus, der den Durchhalteparolen der Deutschen gegen Ende des Krieges in nichts nachstand. Der Einsatz der Atombombe war für ihn auch ein Weg, Zehntausende, möglicherweise Hunderttausende amerikanische Soldaten vor dem sicheren Tod zu retten.

          Oder Scherers These, die zweite Bombe auf Nagasaki sei nur deswegen noch abgeworfen worden, weil man sonst die Wirkung der Plutoniumbombe - über Hiroshima war eine Uranbombe zur Explosion gebracht worden - nicht mehr hätte testen können. Die Berichte über die Folgen der Bombardierung Hiroshimas erhielt Präsident Truman erst, als die Nagasaki-Bombe schon gefallen war. Danach erst änderte er seine Einschätzung dieser neuen Waffe. Kann er also nicht wirklich geglaubt haben, mit den Bomben vermeiden zu können, den japanischen Widerstand Mann um Mann niederringen zu müssen?

          Recherche von Ressentiment überdeckt

          Natürlich mag auch eine Rolle gespielt haben, den Vormarsch sowjetischer Truppen auf japanisches Territorium zu verhindern, nachdem Stalin Tokio im August den Krieg erklärt hatte. Englands Premierminister Winston Churchill erklärte die Bombenabwürfe in seinen Memoiren so: Truman, Churchill und Stalin hätten damals vor dem Hintergrund der Schrecken eines Krieges entschieden, in dem über Jahre Grauenhaftes geschehen war. Kann man dem gerecht werden mit dem hohen moralischen Anspruch des Wissenden von heute? Es ist leicht, antiamerikanische Ressentiments zu bedienen und zu meinen, Washington habe nur seine neue Waffentechnik testen wollen. Wenn Scherer Formulierungen wie „die Beschöniger der US-Propaganda“ verwendet, entwertet er das Material, das er selbst zusammengetragen hat.

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          Scherers Buch hat da Stärken, wo es beschreibt. Ob Erfahrungen der Opfer oder auch Abläufe beim Ringen um Friedensverhandlungen: Der Autor, der im Buch weitgehend seine Fernsehinterviews und Recherchen zweitverwertet, schildert das über viele Passagen seines Buchs spannend und gut. Doch statt einer vernünftigen Analyse der Widersprüche, die seine eigenen Schilderungen und Beschreibungen aufwerfen, statt einer Abwägung der strategischen Fragen und der moralischen Wertungen unterwirft er alles seiner These vom „Mythos“ der kriegsverkürzenden Bombe. Die Recherche wird vom Ressentiment überdeckt, das sich durch das Buch zieht wie ein roter Faden. Schade.

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