https://www.faz.net/-gr3-86ftt

Mythos entscheidende Bombe : Was stand im Pazifik auf dem Spiel?

Fragwürdig ist vor allem, dass sich Scherer für seine Thesen fast ausschließlich auf den revisionistischen japanischen Historiker Tsuyoshi Hasegawa beruft. Der behauptet seit Jahren, Japan sei schon im Frühsommer zum Frieden bereit gewesen, Washington habe das aber ignoriert, weil Präsident Truman Japan am Boden liegen sehen wollte und man die Atombombe unbedingt habe testen wollen. Originell ist das nicht. Im Gegenteil: Hasegawa bedient den Geschichtsrevisionismus der japanischen Nationalisten bis hin zum Regierungschef Abe, denen die Atombombe bis heute dazu dient, von der eigenen Kriegsschuld, von den eigenen Greueltaten in den besetzten Ländern und vom eigenen Unwillen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, abzulenken. Es ist dünn, einen solchen Autor als Kronzeugen zu bemühen, zumal Kritiker Hasegawas bei Scherer nicht zu Wort kommen.

Klaus Scherer: „Nagasaki“. Der Mythos der entscheidenden Bombe. Hanser Verlag, München 2015. 271 S., geb., 19,90 €.

Auch lässt sich das Verhalten der Akteure damals nicht so leicht an den moralischen Maßstäben von heute messen. Truman war im Sommer 1945 mit extrem hohen amerikanischen Verlusten in Okinawa konfrontiert. Japans Armee verteidigte das eigene Territorium mit einem Fanatismus, der den Durchhalteparolen der Deutschen gegen Ende des Krieges in nichts nachstand. Der Einsatz der Atombombe war für ihn auch ein Weg, Zehntausende, möglicherweise Hunderttausende amerikanische Soldaten vor dem sicheren Tod zu retten.

Oder Scherers These, die zweite Bombe auf Nagasaki sei nur deswegen noch abgeworfen worden, weil man sonst die Wirkung der Plutoniumbombe - über Hiroshima war eine Uranbombe zur Explosion gebracht worden - nicht mehr hätte testen können. Die Berichte über die Folgen der Bombardierung Hiroshimas erhielt Präsident Truman erst, als die Nagasaki-Bombe schon gefallen war. Danach erst änderte er seine Einschätzung dieser neuen Waffe. Kann er also nicht wirklich geglaubt haben, mit den Bomben vermeiden zu können, den japanischen Widerstand Mann um Mann niederringen zu müssen?

Recherche von Ressentiment überdeckt

Natürlich mag auch eine Rolle gespielt haben, den Vormarsch sowjetischer Truppen auf japanisches Territorium zu verhindern, nachdem Stalin Tokio im August den Krieg erklärt hatte. Englands Premierminister Winston Churchill erklärte die Bombenabwürfe in seinen Memoiren so: Truman, Churchill und Stalin hätten damals vor dem Hintergrund der Schrecken eines Krieges entschieden, in dem über Jahre Grauenhaftes geschehen war. Kann man dem gerecht werden mit dem hohen moralischen Anspruch des Wissenden von heute? Es ist leicht, antiamerikanische Ressentiments zu bedienen und zu meinen, Washington habe nur seine neue Waffentechnik testen wollen. Wenn Scherer Formulierungen wie „die Beschöniger der US-Propaganda“ verwendet, entwertet er das Material, das er selbst zusammengetragen hat.

Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Scherers Buch hat da Stärken, wo es beschreibt. Ob Erfahrungen der Opfer oder auch Abläufe beim Ringen um Friedensverhandlungen: Der Autor, der im Buch weitgehend seine Fernsehinterviews und Recherchen zweitverwertet, schildert das über viele Passagen seines Buchs spannend und gut. Doch statt einer vernünftigen Analyse der Widersprüche, die seine eigenen Schilderungen und Beschreibungen aufwerfen, statt einer Abwägung der strategischen Fragen und der moralischen Wertungen unterwirft er alles seiner These vom „Mythos“ der kriegsverkürzenden Bombe. Die Recherche wird vom Ressentiment überdeckt, das sich durch das Buch zieht wie ein roter Faden. Schade.

Weitere Themen

Dichter Günter Kunert gestorben

Im Alter von 90 Jahren : Dichter Günter Kunert gestorben

Seine Familie wurde in der NS-Zeit verfolgt, zahlreiche Angehörige wurden ermordet. In DDR war er ein politischer Dissident. Geschrieben und gedacht hat er im Geiste Heinrich Heines. Nun ist der Dichter Günter Kunert im Alter von neunzig Jahren gerstorben.

Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

Tod im Schrott

„Tatort“ aus Weimar : Tod im Schrott

Auf der neuen Episode des „Tatorts“ aus Weimar liegt ein Fluch. Wer hat den gewitzten Kommissaren Dorn und Lessing dieses Skript aufgezwungen? So lahm haben wir Nora Tschirner und Christian Ulmen noch nie gesehen.

Topmeldungen

Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.