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Klaus Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner : Goldene Zähne, gezinkte Karten

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Eine mitreißende Studie über die allmähliche Verfertigung eines historischen Vorurteils: Klaus-Michael Bogdal beschreibt die Geschichte der Zigeuner.

          Nur eine einzige Abbildung enthält die Studie von Klaus-Michael Bogdal, die aber hat es in sich. Sie entstammt der „Spiezer Chronik“ aus der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts und zeigt eine kleine, eng gedrängte Gruppe von Menschen - Männer, Frauen und Kinder mit Turbanen und spitzen Hüten -, die im Freien, vor einer Stadtbefestigung, die offenbar Bern zeigen soll, einfach dastehen und sich nur selbst Halt zu geben scheinen. Niemand kümmert sich um sie, die im deutschen Sprachraum Zigeuner genannt werden. Sie scheinen, plötzlich aufgetaucht, nicht zu wissen, wohin sie gehören, und heben zu Bewegungen in alle Richtungen an.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Im öffentlichen Bewusstsein wird ihre Hautfarbe, da lange Zeit eine ägyptische Herkunft angenommen wird, immer schwärzer, die Frauen werden als schöne, freizügige Tänzerinnen und verschlagene Wahrsagerinnen dargestellt, mit goldenen Ohrringen und wehenden Röcken. Und auch die Zähne der Männer, denen eine Gitarre oder eine Flamenco-Weste umhängt, werden immer goldener, doch im Ärmel tragen sie nach altem Vorurteil ein Messer oder gezinkte Karten. Am liebsten würde man sie, wie unzählige Dokumente belegen, ganz aus dem Landschaftsbild tilgen oder zumindest ihre Assimilation erzwingen, wie es dann auch oft geschieht.

          Man schaut dem Begriff bei der Entstehung zu

          Das unterscheidet den Antiziganismus nach einer einleuchtenden Definition Bogdals vom Antisemitismus: Während Letzterer sich gerade im vorigen Jahrhundert häufig gegen etwas wendet, was man nicht erlangen zu können glaubt (finanzieller und Bildungs-Reichtum), richtet sich Ersterer gegen das, was man überschritten zu haben meint und zu dem man eine maximale Distanz zu wahren versucht.

          Klaus-Michael Bogdals Studie geht es nicht um eine europäische Geschichte der Romvölker. Deren Herkunft wird über die Entdeckungen der Aufklärung hinaus, die eine indische Abstammung zu Tage förderte, nicht näher beleuchtet, der im Titel verwendete Zigeuner-Begriff wird nicht auf dem neuesten Stand der Forschung definiert und der gerade in Osteuropa wieder aufbrandende Antiziganismus nicht einer näheren Betrachtung unterworfen - und das ist einerseits bedauerlich. Andererseits verschafft die sich behutsam und immer dicht an den schriftlichen Quellen entlangtastende Studie Bogdals etwas nicht minder Erhellendes. Sie liefert tief ins kollektive Gedächtnis reichende Erklärungen für sechshundert Jahre nicht abreißender Verachtung, aber auch punktueller Bewunderung der Roma, wobei die dahinterliegenden Mechanismen wegen ihrer nachweisbaren Fiktionalität zugleich entwertet werden. Man schaut dem meist abwertend gebrauchten Begriff Zigeuner bei der Entstehung zu, wobei sich zeigt, wie verhängnisvoll es schon im späten Mittelalter war, die Publizistik über einen selbst und die eigene ethnische Gruppe fast ausschließlich anderen zu überlassen.

          Poetische Gerechtigkeit

          Gerade weil Bogdal derart tastend beschreibt, gefriert einem das Blut in den Adern ob der Gedankenlosigkeit, mit der die europäische Gesellschaft immer wieder auf die Nomaden reagiert. So werden, während sich am 22. Februar 1687 im kurfürstlichen Schloss zu Dresden die adligen Damen zu einer „Frauen-Zimmer-Zigeuner-Masquerade“ treffen und sich gegenseitig ihre modisch-orientalischen Gewänder vorführen, zu gleicher Zeit Romafrauen an der Landesgrenze am nächsten Galgen aufgehängt.

          Selbst Intellektuelle wie Johann Gottfried Herder oder Johann Heinrich Pestalozzi enttäuschen aus heutiger Sicht wegen der Zwangsmaßnahmen, die sie den „Zigeunern“ verordnen wollen. Immerhin beruhigt es, dass die bedeutendsten Autoren ihrer Zeit wie Cervantes, Goethe, Gogol oder Tolstoi ihnen durch eine einigermaßen würdige Betrachtung zumindest ansatzweise poetische Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie sind damit fast schon die Ausnahme.

          Unkitschig und mitreißend

          Sinti und Roma selbst haben ihre Stimme in der Schriftsprache erst nach der Zeit ihrer versuchten Auslöschung im Nationalsozialismus gefunden. Bitter ist, dass in Romanes schreibende Autoren wie Matéo Maximoff die südeuropäischen Roma nach Jahrhunderten der Rechtlosigkeit, Hilflosigkeit und Abdrängung ins asoziale Milieu heute selbst nicht anders als in ihrer haltlosen Randständigkeit schildern können.

          Bogdal ist trotz der im Untersuchungsgegenstand angelegten Wiederholungen von Zigeuner-Klischeebildern eine höchst differenzierte, gänzlich unkitschige und zuweilen mitreißende Studie gelungen, die nicht umhinkann, ihre Ergebnisse in eine aktuelle Warnung zu überführen und darauf hinzuweisen, dass in Europa gerade eine zweite Menschengruppe auftaucht, die sich falsche Namen gibt und ihre Herkunft verschleiert. Ihr Ankommen in Europa wird seit Monaten an den südlichen Küsten verhindert.

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