https://www.faz.net/-gr3-6larl

Klaus Mainzer: Leben als Maschine? : Ohne Bewusstsein geht es eigentlich auch ganz gut

  • -Aktualisiert am

Bild: mentis

Auf dem Weg zum Superorganismus der Menschen, Dinge und künstlichen Systeme: Klaus Mainzer entwirft eine Theorie komplexer Netzwerke.

          3 Min.

          Wäre der Mensch eine Maschine, wäre sein Leben berechenbar. Diese Vorstellung fasziniert und erschreckt die Menschen seit der Renaissance. In der synthetischen Biologie, in der Robotik und der Künstlichen Intelligenz scheint sie nun Wirklichkeit zu werden. Aber nur auf den ersten Blick. Denn je weiter Forscher das Zusammenspiel der molekularen Schräubchen, Hebelchen und Zahnrädchen in unseren Zellen entschlüsseln, desto deutlicher sehen sie, dass die Maschinenmetapher hinkt: An ihre Stelle haben sie längst das komplexe dynamische System gestellt. Und dessen Analyseinstrument ist nicht die Berechnung, sondern die Computersimulation.

          Der Münchner Philosoph Klaus Mainzer hat sich auf den Weg zu einer „vereinigten Theorie komplexer Netzwerke“ gemacht, deren Kern in der Annahme besteht, dass alle dynamischen Prozesse - ob sie sich nun in einer Körperzelle abspielen, einem Organ oder der Steuerzentrale eines Kraftwerks - im Prinzip auf einem Computer modellierbar sind. Und er hat zusammengetragen, wie diese dynamischen Prozesse zentrale Zukunftstechnologien prägen und verbinden.

          Ganz im Gegensatz zu seelenlosen Maschinen

          Mainzer beginnt mit dem Gegensatz von seelenlosen Maschinen und sich selbst organisierendem Leben in der romantischen Naturphilosophie und arbeitet sich über die Geschichte der mechanischen Webstühle zu den Rechenmaschinen und den Grundlagen der Theorie dynamischer Systeme vor.

          In der Systembiologie ist die Idee des dynamischen Systems der Schlüssel zur Komplexität des Lebens, so Mainzer. Er erläutert, wie die Signalübertragung in der Zelle als dynamisches System verstanden werden kann und wie stark die natürlichen Schaltpläne denen der menschlichen Ingenieure ähneln. In der synthetischen Biologie dienen sie dazu, künstliche Biomoleküle zu produzieren und sie zu Miniorganismen zusammenzusetzen. An der Schnittstelle von Systembiologie und Medizin stehen mathematische Modelle ganzer Organe, etwa der Lunge, des Herzens und des Immunsystems, anhand deren sich Diagnosen und die Wirkung von Therapien und Medikamenten überprüfen lassen.

          Maschinen bieten nur Assistenzsysteme

          Je komplexer unsere technische Umwelt wird, so Mainzer, umso mehr benötigen wir komplexe dynamische Systeme zu ihrer Steuerung. Und so, wie wir bei unseren Computern eine Benutzeroberfläche brauchen, benötigen wir auch immer mehr Assistenzsysteme, um die komplexer werdende Technik zu beherrschen.

          Ingenieurs- und Kognitionswissenschaften, Gehirnforschung, Systembiologie und synthetische Biologie, Nano- und Materialwissenschaft finden sich zu Clustern zusammen, die sich am Vorbild der Natur statt an Disziplinengrenzen orientieren: Roboter werden mit künstlichen Nasen und künstlicher Affektsteuerung ausgestattet, Softwareagenten durchforsten komplexe Suchräume mit emotionaler Intelligenz, Fuzzy-Neuronen helfen, unscharfes Expertenwissen zu formalisieren. Das Bewusstsein hingegen wird überschätzt, meint der Autor, für die meisten Aufgaben ist es nicht erforderlich.

          Selbstorganisierende Materialien lassen die Grenze zwischen Biologie und Materialforschung, Implantate zur Unterstützung kognitiver Fähigkeit die zwischen Mensch und Maschine verschwimmen. Automatisierungstechnik geht zusammen mit evolutionären Optimierungsverfahren, Mechatronik trifft Künstliche Intelligenz. Zu den eindrucksvollsten Passagen des Buches gehört die Schilderung des intelligenten Stromnetzes der Zukunft: Ein Netzwerk integrierter Mininetze verhandelt vollautomatisch den optimalen Umgang mit schwankendem Angebot und variierender Nachfrage.

          Mensch und Ding zu einem einzigen Superorganismus

          Die Menschen, so Mainzer, werden beginnen, mit den Dingen zu kommunizieren und mit ihnen zu einem einzigen Superorganismus zusammenwachsen. Mit all den Chancen und Gefahren, die die damit einhergehenden Manipulationsmöglichkeiten mit sich bringen. Wir stehen an einer Weggabelung unserer Entwicklung, meint Mainzer, der sich im letzten Teil des Buches der Ethik zuwendet.

          Darf die synthetische Biologie überhaupt neuartiges Leben schaffen? Die natürliche Evolution ist fehlerhaft, gelegentlich suboptimal und keineswegs sakrosankt, hält der Autor fest. Das Natürliche sei keineswegs automatisch das Gute. Ebenso wenig könne es aber um eine Perfektionierung der Spezies gehen. Der einzige Maßstab des Handelns seien vielmehr die Lebensqualität und der Mensch als Selbstzweck.

          Die Möglichkeiten der komplexen dynamischen Systeme, die Mainzer beschreibt, sind mindestens so erschreckend und faszinierend, wie es in der Renaissance die Maschinenmetapher gewesen sein mag. Sie zumindest in Ansätzen zu verstehen dürfte zentral sein, um zu begreifen, was um uns herum geschieht. Ihr Name allerdings kommt nicht von ungefähr: Für den Laien sind Mainzers Ausführungen ein eher harter Brocken.

          Weitere Themen

          Tilman Jens ist tot

          Streitbarer Publizist : Tilman Jens ist tot

          Er war Journalist und Buchautor, für das Fernsehen drehte er mehr als hundert Features zu unterschiedlichsten Themen, meist kritisch und mit Wucht. Jetzt ist Tilman Jens im Alter von 65 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Amerika gegen China : Die teuerste Scheidung aller Zeiten

          Donald Trumps Regierung knöpft sich Tiktok vor. Dahinter steckt viel mehr als die Sicherheit einer beliebten App: Zwischen den Wirtschaftsgroßmächten eskaliert der Technologie-Streit.

          Kultusminister : Das Abstandsproblem einfach leugnen

          Die zweite Corona-Welle rollt an – dennoch sollen nach den Sommerferien die Schulen wieder ganz öffnen. Keiner weiß genau, wie das funktionieren soll. Die Kultusminister verstecken sich hinter Worthülsen.
          Wieder auf dem Rasen beim FC Bayern: Niklas Süle

          Niklas Süles Rückkehr : Der FC Bayern und die neue Hierarchie

          Niklas Süle war der Chef in der Abwehr des FC Bayern. Dann aber zog er sich eine schwere Verletzung zu. Nun ist er nach langer Pause wieder zurück. Doch die Situation in der Münchner Abwehr hat sich geändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.