https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/klaus-lieb-hirndoping-was-ist-dran-am-hirndoping-1999113.html

Klaus Lieb: Hirndoping : Was ist dran am Hirndoping?

          4 Min.

          Verschwunden ist der Eigenbrötler. In Aldous Huxleys Welt der animierten, auf permanente Befriedigung ihrer Wünsche konditionierten Menschen gibt es keine Sonderlinge mehr, die ihren eigenen Streifen machen, dabei mehr oder weniger störanfällig ihre Höhen und Tiefen durchleben und sich im Übrigen ihren Teil denken. Stattdessen sind sie durch die Droge Soma an das größte Glück der größten Zahl angeschlossen - dauerstabile Geister, gegen jede Anfechtung pharmakologisch gefeit, zielführend ohne Zaudern und Zagen. „Bis du verdrossen, flugs Soma genossen“: So lautet in Huxleys Utopie der „Schönen neuen Welt“ der Wahlspruch für jede Jahreszeit. Inzwischen wird in der Realität des Jahres 2010 unter dem Stichwort „Neuro-Enhancement“ wahlweise die Gefahr oder die Verheißung beschworen, dass wir kurz vor dem Eintritt in eine pharmazeutisch hochgerüstete Huxley-Welt stünden, in der wir durch diverse Psycho-Pillen Glück und Leistung steigern könnten.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Das jetzt bei Artemis & Winkler erschienene Buch „Hirndoping“ von Klaus Lieb lässt sich von den Dramatisierern und Verharmlosern des Themas nicht irre machen und legt zum ersten Mal im deutschen Sprachraum einen fachwissenschaftlich fundierten Lagebericht zum kognitiven Enhancement vor. Der Autor Lieb ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz und führt derzeit zusammen mit dem Philosophen Thomas Metzinger und Fachleuten aus anderen Disziplinen ein Forschungsprojekt durch, bei dem es um die Möglichkeiten geht, „bestimmte Aspekte unserer kognitiven Leistungsfähigkeit wie Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Wachheit durch neue Medikamente zu verbessern und möglicherweise auch bei gesunden Personen dauerhaft zu optimieren“.

          Dass die Grenze zwischen Therapie und kosmetischer Psychopharmakologie fließend geworden ist, wirft Fragen des ärztlichen Selbstverständnisses auf sowie rechtliche Überlegungen, die damit zu tun haben, dass hier verschreibungspflichtige Medikamente, die zum Teil unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, ohne medizinische Indikation konsumiert werden. Aber Lieb rückt die Proportionen zurecht und macht deutlich, dass sich hinter dem knalligen Namen Hirndoping keine Wunder-Pillen zur Herstellung von Klugheit, Denkvermögen und Urteilsfähigkeit verbergen - von Fähigkeiten mithin, für welche die Rede von geistiger Leistungssteigerung erst sinnvoll erscheint.

          Ein passgenaues Medikament gibt es nicht

          Liebs Buch ist zunächst einmal ein nüchterner Medikamentenführer. Zu den wirksamen Substanzen zählt der Autor die schon seit mehr als 70 Jahren bekannten Amphetamine, das seit 50 Jahren gebräuchliche Methylphenidat sowie Modafinil, das seit fast 20 Jahren auf dem Markt ist. Diese Substanzen wirken relativ unspezifisch über eine Forcierung des Botenstoffes Dopamin, der im Gehirn an Schlüsselstellen bindet. Antidepressiva haben dagegen kaum nachweisbare Effekte auf die geistige Leistungsfähigkeit bei Gesunden. „Von einer selektiven Wirkung auf spezifische Hirnfunktionen kann bisher keine Rede sein“, erklärt Lieb, die Erwartungen dämpfend. „Von der kleinen roten Pille, die im Gehirn passgenau einen Schalter umlegt, sind wir also weit entfernt.“

          Weitere Themen

          Gefangen im perfekten Teufelskreis

          Schlaflosigkeit : Gefangen im perfekten Teufelskreis

          Wenn die Tage formlos ineinanderfließen: Die Schriftstellerin Samantha Harvey berichtet in einem sprunghaften und erfrischenden Memoir über ihre Schlaflosigkeit.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.