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Antisemitismus & Antizionismus : Wenn aus einer verfolgten Minderheit eine Weltmacht konstruiert wird

  • -Aktualisiert am

Im Mai 2021 hält Demonstrationsteilnehmer in München ein Schild gegen Antisemitismus in die Höhe. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Täter-Opfer-Umkehr als Entlastungsstrategie: Klaus Holz und Thomas Haury versuchen, Antisemitismus und Attacken auf Israel ins richtige Bild zu bringen.

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          Über die Frage, wie Antisemitismus, wenn er sich gegen den israelischen Staat richtet, festzumachen sei, wird seit Längerem kontrovers diskutiert. Einen erhellenden und sehr lesenswerten Beitrag leisten hier die Soziologen und Antisemitismusforscher Klaus Holz und Thomas Haury mit ihrem Buch. Sie halten einen „Katalog abprüfbarer Kriterien“, wie ihn die Antisemitismus-Definitionen der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken (IHRA) oder die der alternativen „Jerusalemer Erklärung“ bieten, für wenig tauglich, da ein solcher der Komplexität des Phänomens Antisemitismus nicht gerecht werde. Dessen Vielschichtigkeit könne nur dann angemessen erfasst werden, wenn man in die Analyse neben den negativen Judenbildern auch die kontrastierenden Selbstbilder der antisemitischen Akteure einbeziehe und auf „Sinnzusammenhänge“ achte.

          Dabei erweist sich der Rückgriff der Autoren auf den Antisemitismus nationaler Prägung, dessen Wurzeln im späten neunzehnten Jahrhundert liegen, als hilfreich. Denn lange vor Israels Staatsgründung 1948 kursierten antisemitische – völkische und nationalsozialistische – Vorstellungen von einem jüdischen Staat, die sich der Täter-Opfer-Umkehr bedienten. So wurde aus der politisch marginalisierten, diskriminierten und verfolgten jüdischen Minderheit eine zionistische Weltmacht konstruiert und deren angestrebter Judenstaat in Palästina zur Zentrale der jüdischen Weltverschwörung stilisiert. Diesem Feindbild wurde das Selbstbild der Deutschen als Nation und Volk gegenübergestellt, das, wie andere Völker auch, von der Auflösung durch das „Anti-Volk“ der Juden bedroht sei.

          Dieser antinationale „Feind der Menschheit“ wurde in der sowjetischen Staatspropaganda politisch-ökonomisch in die ausbeuterische Klasse, die die internationalen Finanzmärkte kontrolliert, umgemünzt. Seine jüdische Codierung ging jedoch nicht verloren, sondern lebte fort im Schmähbild des Zionismus als Handlanger des britischen Kolonialismus und des amerikanischen Imperialismus in Palästina. So konnten die Kommunisten ihren Antisemitismus als Antizionismus verkaufen.

          Der koloniale und postkoloniale Entstehungszusammenhang

          Durch den Holocaust und die Gründung des Staates Israel änderten sich die Koordinaten der antijüdischen und antizionistischen Ideologien nachhaltig. Auch wenn jetzt die alten negativen Bilder von einem jüdischen Staat leicht auf Israel übertragen werden konnten, so musste doch auch dem Völkermord an den Juden – sofern er nicht geleugnet wurde – Rechnung getragen werden. Beide Aspekte verschmelzen im „postnazistischen Antisemitismus“, der den Autoren zufolge auch heute eine wichtige Rolle spielt.

          Klaus Holz und Thomas Haury: „Antisemitismus gegen Israel“.
          Klaus Holz und Thomas Haury: „Antisemitismus gegen Israel“. : Bild: Hamburger Edition

          Auch hier begegnet wieder die Täter-Opfer-Umkehr, die auf linker wie auf rechter Seite als Entlastungsstrategie eingesetzt wird – etwa mit den Vorwürfen, Israel verhalte sich gegenüber den Palästinensern wie einst das NS-Regime gegenüber den Juden und instrumentalisiere den Holocaust, um Geld zu erpressen oder Kritik an seiner Politik im Keim zu ersticken. Wie weit das Spektrum solcher Beschuldigungen reicht, ist besonders in dem Kapitel „Antisemitismus von links“ nachzulesen. Eine vergleichbar ausführliche Darstellung rechtsextremistischer Positionen fehlt, weil die Verfasser sie wohl für bekannter halten.

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