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Klaus Bergdolt: Deutsche in Venedig : Touristen sind immer die anderen

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Bild: Verlag

Ein Sehnsuchtsort, der auch Schmähungen ertragen musste: Klaus Bergdolt hat ein überreiches Buch über Deutsche in Venedig geschrieben, in dem man noch Entdeckungen machen kann.

          Tausend Jahre deutsche Präsenz in Venedig - man braucht schon großen Mut, um sich solch ein unerschöpfliches Thema vorzunehmen. Angesichts der Fülle des Materials, angesichts der breiten Forschungslage von Mediävistik bis Musikwissenschaft, Kunsthistorie bis Literaturgeschichte konnte sich nur ein so exquisiter Kenner der Materie wie der Kölner Medizinhistoriker - heute auch Vorsitzender des Trägervereins des deutschen Studienzentrums am Canal Grande - an eine solche Tour de force wagen.

          Naturgemäß lässt sich nicht viel Stimmungsvolles über die ambivalente Beziehung der Ottonensippe zur entstehenden Lagunenstadt sagen, wissen wir doch kaum, wie Venedig in seinen Anfängen mit Schwerpunkten in Malamocco und Torcello überhaupt ausgesehen hat. Doch Bergdolt kann glaubhaft nachweisen, dass schon in den dunklen Anfängen des Dogenstaates den deutschen Kaiser Otto III. so etwas wie exotische Neugier auf das Amphibienreich getrieben haben muss, als er 1001 dem Dogen Pietro Orseolo einen - heute würde man sagen - privaten Besuch abstattete.

          Die schwüle Lagunenluft war nichts für Lessing

          Trotz eines sehr viel politischeren Abstechers von Friedrich Barbarossa nach Venedig kommen Texte, die unseren Kriterien als Reiseberichten genügen, ohnehin erst ab dem Spätmittelalter zustande. Mit der Etablierung der deutschen Handelsniederlassung im „Fondaco dei Tedeschi“ direkt an der Rialtobrücke, mit den gut dokumentierten Bildungsreisen Dürers und den ersten Reiseführern für Levante-Pilger (Vorläufern unserer Pauschalurlauber) nimmt das grenzenlose Thema endgültig Fahrt auf.

          Bergdolt, der elegant von einem Reisenden zum nächsten überleitet, hält sich mit persönlichen Stellungnahmen angenehm zurück und lässt seine staunenswert reichhaltigen Quellen gerne für sich selbst sprechen - ob das nun der etwas griesgrämige Vater Goethe ist, der sich nicht genug über die in seinen Augen heuchlerischen Rituale der venezianischen Katholiken wundern konnte. Oder der junge Gotthold Ephraim Lessing, dem die schwüle Lagunenluft schwer zu schaffen macht. „Ich sehne mich herzlich nach Deutschland,“ schreibt er 1775 vielleicht nicht ganz aufrichtig an seine Verlobte, „Denn in dieser Hitze in Italien herumzureisen, ist eine Sache, die mich gewaltig mitnimmt.“

          Die stinkendste, schmutzigste und hässlichste Stadt

          Detailfreudig widmet sich Bergdolt der Venedig-Manie deutscher Fürstenhäuser, die gegenüber den vielen ins venezianische Militär verkauften und dort umgekommenen Zwangssöldnern heiter absticht. Kaum ein Potentat oder wenigstens Prinz aus Braunschweig oder Sachsen, aus Württemberg oder Bayern, der seine Grand Tour nicht mit prunkvollen Hofhaltungen auf Zeit am Canal Grande, mit Opernlogen, Karnevalsfesten und Stierhatzen am Markusplatz gekrönt hätte. So erfahren wir, dass diese Ausflüge ins mittelmeerische Seeleben nostalgische Gondelflotten auf der Elbe bei Pillnitz und dem schwäbischen Bärensee zur Folge hatten.

          Dass vielleicht sogar das schöne deutsche Wort „Heimweh“ unter schweizerischen Landsknechten in barocken Diensten Venedigs aufkam, ist da nur eine unter zahlreichen Kuriositäten, die von der Verbundenheit der Deutschen mit ihrem italienischen - und orientalischen - Einfallstor erzählen.

          Während kaum einen Leser und schon gar keinen Venedig-Liebhaber die fast schon rituellen Schwärmereien über die „Zauberlaterne“ (Elisa von der Recke) dieser Weltwunderstadt wundern (sondern eher zum Mitschwelgen animieren), legt Bergdolt mit viel Ironie einen Schwerpunkt auf die Schmähungen, die oft genug aus Minderwertigkeitsgefühl und Überfordertheit in Beleidigungen der venezianischen Lebensart ausufern. Ohne Bergdolts philologischen Spürsinn wüssten wir wenig vom preußischen Publizisten Carl Ludwig Fernow, der seinen Hass auf die „stinkendste, schmutzigste, hässlichste Stadt“ mit fast schon komischem Beiklang auslebte und sogar noch vor der Barockmusik als Rauschmittel für nüchterne deutsche Seelen nicht genug warnen konnte.

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